Terror, Wahn, Gesellschaft

NSU, der Staat und die Verwandlung der Gesellschaft in ein Irrenhaus

Als sich im November 2011 herausstellte, dass Neonazis über mehrere Jahre hinweg Mordanschläge in der Bundesrepublik verübt hatten, war die deutsche Öffentlichkeit „betroffen, empört, fassungslos“. Nach dem Bekanntwerden der NSU-Morde wurde über alles Mögliche gesprochen: ein Wiedererstarken der Neonaziszene, eine „Braune Armee Fraktion“, inkompetente Behörden, eine rassistische Gesellschaft sowie rechte Seilschaften bei Verfassungsschutz und Polizei. Nur eines wollte oder konnte niemand thematisieren: die Frage, inwieweit sowohl die Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ als auch die Kombination aus Inkompetenz und Impertinenz auf Behördenseite Ausdruck einer an sich selbst irre gewordenen Gesellschaft sind.

Aus Anlass des Prozesses gegen Beate Zschäpe soll im Rahmen des Vortrags mit einigen Thesen versucht werden, über die reine Faktensammlung und die hektische Betriebsamkeit von Politik und Medien – von der Einrichtung einer Generaldatei „Rechts“ bis zu Diskussionen über ein neues NPD-Verbotsverfahren – hinauszukommen. Denn allem Veränderungsgestus zum Trotz dient dieser Aktionismus letztlich nur einem Zweck: besinnungslos weiter hantieren zu können wie bisher.

Vortrag und Diskussion mit zwei Vertretern des AK Antifaschismus/Antirassismus im Studierendenrat an der Universität Halle.

Donnerstag, 25. Juli 2013, 19:30 Uhr

Gemeindesaal der Himmelfahrtskirche, Kidlerstraße 15, 81371 München-Sendling

(U-Bahn-Haltestelle Harras oder Implerstraße)

Audiomitschnitt der Katholizismus-Veranstaltung

Den Vortrag von Richard Kempkens Ungeglaubter Glaube, gläubiger Unglaube: Katholizismus im Land der permanenten Reformation, der am 13. März in München gehalten wurde, kann man jetzt hier anhören.

Das Autorenblog Achse des Guten veröffentlicht den Vortrag zudem in mehreren Teilen in schriftlicher Form. Den ersten Teil kann man hier nachlesen.

Antiautoritär gegen Israel

Über die Ausstellung „Wem gehört die Stadt?“ im Münchner Stadtmuseum

Unter dem Titel „Wem gehört die Stadt?“ bietet das Münchner Stadtmuseum geneigten Bürgern derzeit die Möglichkeit, zwischen Mao-Bibeln, Protestplakaten und einer Badewanne die Siebzigerjahre nachzuerleben. Vor Ort kann der gelangweilte Besucher dann feststellen, dass sich in linksalternativen Kreisen nicht viel geändert hat – selbst der schon immer unsägliche Sigi Pop sucht bis heute in regelmäßigen Abständen Münchner Bühnen heim – und dass jeder mit einem etwas später gelegenen Geburtsdatum reichlich Glück gehabt hat. Aber nur, wer eine mittelschwere Geschichtsamnesie hat, kann den immerhin angenehm kurzen Rundgang innerhalb von Minuten einfach beenden und unter der Rubrik „Kuriositäten“ verbuchen. Wer sich auch nur ein bisschen in der Geschichte der deutschen Linken auskennt und nicht völlig verblödet ist, wird nicht umhin kommen, eine gravierende Dokumentationslücke zu bemerken: linken Antisemitismus nämlich.

Der Facebook-Werbetext hatte der linken Bewegung noch, so typisch protzig-verklausuliert wie leider auch zutreffend, einen „Impuls antiautoritären Denkens und Handelns als Gegenentwurf zu einem formell repräsentativ verfassten Politikverständnis“ attestiert. Das ist ehrlich gesprochen, was es aber konkret bedeutete, wird in der Ausstellung verschwiegen. Das „antiautoritäre Denken“ der Siebzigerjahre richtete sich politisch in erster Linie gegen den Westen – nicht gegen Herrschaft als solche, sondern gegen eben jene Form von Souveränität, in der Individuum, Volk und Staat noch nicht unmittelbar miteinander identisch sind. Die vielen mao-stalinistischen Grüppchen und Pseudoparteien, die in der Ausstellung offenbar bewusst ausgeblendet werden, obwohl sie doch vor Maos Tod 1976 das organisatorische und ideologische Herzstück der Neuen Linken darstellten, repräsentierten eine Generation, die von ihren Eltern die Wut über die Niederlage im Zweiten Weltkrieg geerbt hatte und deshalb erneut „siegreich im Volkskrieg“ sein wollte. Die Bundesrepublik sollte als „imperialistischer Staat“ wieder durch einen Volksstaat ersetzt werden und all die kämpfenden Hilfsvölker der Dritten Welt sollten in ihrem Kampf gegen die Alliierten nachträglich durch eine gehörige Dosis „Solidarität“ entschädigt werden. Als die K-Gruppen sich in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre auflösten und deren Mitgliederschaft in die „Neuen Sozialen Bewegungen“ diffundierte, wurde das antiautoritäre Denken zwar führerlos, segelte aber mit den Stichworten „Ökologie“ und „Frieden“ weiter unter völkisch-antiimperialistischer Flagge – bis hinein in den Bundestag, wo die Grünen sich heute als drittstärkste und vielleicht bald zweitstärkste Volkspartei etabliert haben.*

Die in einem Teil der Protestbewegung schon von Beginn an aufschäumende Faszination für militante Formen des „Widerstandes“, aber auch die zunehmende Abwendung von konkreten innergesellschaftlichen Problemen hin zu jenem rot-braunen Antiimperialismus, dem schon die Eltern gefolgt waren, markierte den endgültigen Übergang von der Protestbewegung der Sechzigerjahre in eine konformistische Revolte. Was gerade im antiautoritären Flügel des SDS um die ‚späteren’ Nazis Bernd Rabehl und Günter Maschke schon vorgezeichnet war, kam in den Siebzigern zu sich selbst: der Antiimperialismus als Zentrum linker Weltanschauung. Die notdürftige Rationalisierung des Hasses auf gerade jene Teile des von den Westalliierten implementierten Rechtsstaates, die in der weitgehenden Bändigung des Volkszorns bestanden, änderte nichts daran, dass viele Aktivisten – nicht nur in den K-Gruppen – es unter der Parole „Solidarität mit Palästina!“ immer offensichtlicher auf die Wiederermächtigung des antisemitischen Mobs abgesehen hatten. Seither werden jüdische und israelische Einrichtungen in der Stadt, die wieder dem „Volk“ gehören sollte, rund um die Uhr bewacht.

Da das entsprechende „antiautoritäre Handeln“ sich letztlich gegen die Juden und ihren Staat richten musste, hätte man als Besucher einer Ausstellung über diese Zeit erwarten können, die harmlosen Yoga-Hippies als das präsentiert zu bekommen, was sie tatsächlich waren: der nur dumme, aber ungefährliche Rand einer Generation, deren innerer Antrieb auf den Kampf gegen Israel drängte. Eben dies in der Ausstellung auszublenden, kann man nur als vorsätzlich betrachten – war doch gerade München von Beginn an ein Zentrum des antisemitischen Terrors. Und dies betrifft nicht nur die palästinensischen Genossen, die 1970 ein israelisches Flugzeug in München-Riem zu entführen versuchten und 1972 nahezu das gesamte israelische Olympiateam ermordeten: Als am 13. Februar 1970 ein Brandanschlag auf das jüdische Altenheim in der Reichenbachstraße verübt wurde, bei dem sieben Menschen starben, lag angesichts der scharfen antizionistischen Propaganda der Linken und einem zum Glück gescheiterten Bombenattentat auf die Berliner jüdische Gemeinde durch Kunzelmanns „Tupamaros“-Gruppe einige Monate zuvor die Vermutung nahe, dass linke Antisemiten hinter dem Anschlag steckten. Der Politologe Wolfgang Kraushaar hat in seinem jüngsten Buch diese These zu belegen versucht und wurde dafür von der linksliberalen Presse nicht von Ungefähr aufs Übelste denunziert. – Aber unabhängig davon, wie überzeugend seine Argumentation ist, zeigen schon die damaligen Reaktionen der linken Gruppierungen, wie eng sie mit dem antisemitischen Terror verflochten waren. Der linke AStA der Uni München etwa sagte aus angeblichen Pietätsgründen eine ursprünglich geplante Demonstration gegen – Überraschung – den israelischen Botschafter Abba Eban ab; man könnte auch sagen, der Studierendenausschuss fühlte sich ertappt. Schon im September demonstrierten wieder über 500 Personen für den „gerechten Kampf der Palästinenser“. Und die „Tupamaros München“, denen das Attentat von vielen zur Last gelegt wurde und wird, wehrten sich gegen die Vorwürfe durch abermalige antisemitische Ausfälle: „Wir treffen keine Unschuldigen. Diesen neuen Reichstagsbrand im Altersheim können nur Leute gelegt haben, die dran interessiert sind, die Hexenjagd auf die Feinde des US-zionistischen Imperialismus zu eröffnen.“

Nach diesen Manifestationen des linken Antisemitismus sucht man im Münchner Stadtmuseum jedoch vergeblich. Stattdessen ist auf dessen Website vermeintlich harmlos von „Solidarität im Kampf gegen Kolonialismus und diktatorische Regime“ zu lesen. Und die Verdrängung hat Methode: Die deutsche Alternativbewegung hat auf Teufel komm raus das Bessere zu sein; die Antisemiten seien Einzelne gewesen, mit denen die Bewegung selbst nichts gemein gehabt habe. Mit dieser Lüge fühlen sich die Überreste der Bewegung und ihre Erben noch heute als die Ausgeburten von Menschlichkeit und Moral – zuvörderst wenn es darum geht, Israel des „Kolonialismus“ zu schelten und durch das Herbeifantasieren eines „pragmatischen Teils der Hamas“ (C. Roth) den Mord an Juden abermals als politisches Programm zu legitimieren.

Anmerkung:

*Auf kommunaler Ebene, etwa in München-Haidhausen und Schwanthalerhöhe, sind sie es schon längst. Und in Schwabing, der Heimat von Kunzelmanns Gruppe SPUR, liegen sie nur einen Prozentpunkt hinter der CSU.

Veranstaltung mit Richard Kempkens

Ungeglaubter Glaube, gläubiger Unglaube: Katholizismus im Land der permanenten Reformation

Der scheidende Papst Benedikt XVI. hat offenkundig genug von den kalten Böen, die ihm ständig die Soutane aufwirbelten, den äußerst lästigen Benedetto-Chören und den ständigen Mikrophonrückkopplungen. Der Vorsteher der meistgehassten und meistverfolgten Religionsgruppe der Welt hat kaum seinen Rücktritt angekündigt, da erhebt sich im deutschen Blätterwald und den nie fehlenden Umfragen die fast einhellige Forderung nach Reformen, nach einem neuen aggiornamento an den postmodernen Zeitgeist, nach einer Vertiefung der Ökumene, nach weiblichen Priestern, schwulen Ehepaaren und selbstverständlich nach einem nichtweißen Kirchenoberhaupt, sprich: nach einem Obama-Papst, einem antipapstKrankenhausclown mit großem Latinum. Die Segel gebläht von der heißen Luft, die sie erzeugen, und doch irgendwie vom Heiligen Vater so plötzlich verlassen wirkend wie das Kirchenvolk selbst, rufen sie nun von Spiegel bis Zeit nach dem Ende des finsteren Mittelalters, nach innerkirchlicher Demokratie und der endlichen Preisgabe der irrationalen Dogmen, die doch nur den interreligiösen Dialog belasten und den Reproduktionsbetrieb stören. In der katholischen Kirche selbst, namentlich in der deutschen, ist der Wunsch groß, ein reibungslos in den Staat gefügtes Dienstleistungsunternehmen mitsamt pflegeleichter corporate identity zu werden, und dementsprechend klingen viele katholische Wortmeldungen wie aufdringliche Bewerbungen beim Souverän als Sinnstifter. Benedikt XVI. aber, der „erzkonservative“ Dorn in allen Augen, machte sich trotz der schwer identitätsbedürftigen Zeiten verhasst, weil er die Rolle des österlichen Grußaugusts immer wieder dazu nutzte, der sogenannten westlichen Zivilisation in Erinnerung zu rufen, was ihre unhintergehbaren Ausgangspunkte sind, wo ihre zu entfaltenden Forderungen wurzeln: in der hebräischen Gottessuche, der griechischen Philosophie und dem römischen Recht. Es wird zu untersuchen sein, was es mit diesem XXI. Jahrhundert des Abendlandes auf sich hat, an welches sich der vermeintlich „mittelalterliche“ Klerus anpassen soll und nicht ganz will, das sich mit Riesenschritten an die Abwicklung und Einebnung des katholischen Ärgernisses, des fundamentalistischen US-Christentums und last but not least des orthodoxen Judentums macht und gleichzeitig die Diversität der menschenverachtendsten Ideologien von den Islamisten bis zum Dalai Lama abfeiert.
Richard Kempkens ist Redakteur der Kölner Zeitschrift Prodomo und schreibt überdies für die Bahamas.


Mittwoch, den 13. März 2013, 19 Uhr

Salon Irkutsk, Isabellastraße 4, München-Schwabing

Stephan Grigat in München

Gerne bewerben wir folgende Veranstaltung der Grünen Jugend München mit Stephan Grigat (Café Critique Wien) und empfehlen als Vorbereitung seinen Artikel in der ersten Nummer der Zeitschrift sans phrase:

Die Einsamkeit Israels – der globale Antisemitismus und das iranische Regime im neuen Nahen Osten

Wer Anfang 2011 davor warnte, der arabische „Frühling“ könne sehr schnell in einem Siegeszug der islamistischen Moslembrüder enden und für Israel zu einer neuen Bedrohung führen, galt als Schwarzseher, der „den Arabern“ keine Demokratie „gönnen“ würde. Heute ist nicht zuletzt angesichts der Wahlergebnisse in Ägypten Ernüchterung eingetreten. Nachdem die Erfolge der Islamisten nicht mehr geleugnet werden können, geht man dazu über, ihre Ideologie schön zu reden.
Die zentrale Frage lautet, ob jener für den Nahen Osten so typische Mechanismus durchbrochen werden kann, bei dem die innergesellschaftlichen und durch den Weltmarkt evozierten Widersprüche, die durch den Sturz von Mubarak in Ägypten oder von Ben Ali in Tunesien nicht verschwunden sind, stets in hemmungslose Aggression gegen den jüdischen Staat transformiert werden. Bisher gibt es wenig Anzeichen dafür, dass das in absehbarer Zeit gelingen kann. Ein wesentlicher Beitrag zur Verbesserung der Möglichkeiten für solch ein Gelingen wäre der Sturz des iranischen Regimes, ohne dessen Politik der letzten 30 Jahre kaum eine Entwicklung im Nahen Osten zu verstehen ist.

Der Vortrag wird versuchen, eine Einschätzung der aktuellen Situation im Nahen Osten zu geben, die prekäre Situation Israels angesichts der iranischen Vernichtungsdrohungen darzustellen und die Politik Deutschlands und der EU gegenüber zentralen Akteuren im Nahen Osten einzuschätzen.

Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Universität Wien, war Forschungsstipendiat in Tel Aviv und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bündnisses STOP THE BOMB. Er ist u.a. Mitherausgeber von „Der Iran. Analyse einer islamischen Diktatur & ihrer europäischen Förderer“ und von „Iran im Weltsystem. Bündnisses des Regimes & Perspektiven der Freiheitsbewegung“ sowie Herausgeber von „Postnazismus revisited. Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert“.

Mittwoch, 16. Januar 2013, 20 Uhr

Die Veranstaltung wird im Hauptgebäude der LMU in Raum E 216 stattfinden. Siehe auch hier.

Das Elend der Münchner Linken

Die Münchner Linke, die sowieso nichts anderes tut als sich in ihrem stinkenden Nest namens „Kafe Marat“ gegenseitig „antisexistische Theorie“ um die Ohren zu hauen und sich auf Konzerten von niederbayerischen Gymnasiastenbands in ihrer selbstverächtlichen Lebens- und Ästhetikfeindlichkeit zu suhlen, hat endlich wieder eine Beschäftigung gefunden: Angeheizt vom ehemaligen „ideellen linksradikalen Gesamtmünchner“ Bikepunk, der mittlerweile als verzottelter Hippie mit massiven Sprach- und Denkschwierigkeiten, aber einer umso größeren Klappe durch Berlin tigert, setzt sich nun die Szenezeitschrift Luzi-M mit dessen Forderung auseinander, die Gruppe Kir Royal und alle der Sympathie mit ihr Verdächtigen aus der Linken zu verbannen. Zielsicher werden die schwachsinnigsten Denunziationen des Fahrradideologen herausgegriffen und so getan, als könne man ohne rot zu werden über deren Wahrheitsgehalt diskutieren. Das einzige, was für diese Gesinnungsbruderschaft zählt, ist das ganz und gar unreflektierte, weil allein bauchgefühlige Bekenntnis zum linken Haufen, um dessen Anerkennung durch joviales Schulterklopfen und munteres Zuprosten an der klebrigen Theke man buhlt.

Liebe linke Szene, jetzt mal im Vertrauen gesagt: Ihr tut uns großes Unrecht, wenn ihr euch über unseren Verbleib in der Linken die Köpfe zerbrecht! Uns ist es zutiefst unangenehm, durch diese Diskussion überhaupt mit euch in Verbindung gebracht zu werden. Nirgends und niemals haben wir uns der Linken zugerechnet – die gute Nachricht für euch: Ihr braucht uns daher auch gar nicht erst aus ihr ausstoßen.

Und was euren beknackten, ja geradezu pathologischen Rassismusvorwurf angeht: Nur weil ihr mit eurer grenzenlosen Fantasie und endemischen Begriffsstutzigkeit beachtliche Ausdauer wie Besserungsresistenz an den Tag legt, heißt das nicht, dass ihr ungescholten Dinge in Texte hineinlegen dürft, die dort schlichtweg nicht stehen.

Erlebnisse mit dem Kreisvorsitzenden der DKP München

Ich begebe mich zu meinen Studenten. Auch ich demonstriere. Keine übermäßig schwere Tätigkeit. Mir fallen zwei junge Leute auf, die ich zuvor noch nicht gesehen habe, Kerem und Lisa, die hier herumsitzen und die Passanten beobachten. Er ist ein atheistischer Muslim, sie eine atheistische Christin. Beide sind eingefleischte Kommunisten. Sie wollen, daß Deutschland ein kommunistischer Staat wird. „Kommunismus ist gut“, sagen sie unisono. „Die Leute sollen selbst entscheiden, nicht die Politiker.“ Sie kennen sich seit vielen Jahren, diese beiden Anfang 20jährigen, und so „können wir kein Paar werden.“ Niemals. Aber sie sind gute Freunde und haben dieselben Werte. Sie waren beide in Kuba. Kuba ist gut. Das Paradies auf Erden. Sie haben es mit eigenen Augen gesehen. „Kuba ist wirklich demokratisch, nicht wie Deutschland. In Kuba entscheiden die Menschen, in Deutschland sind es die korrupten Politiker, die für uns entscheiden. Wenn die Politiker in Kuba korrupt sind, dann stimmen die Leute ab und schmeißen sie raus. Hat es das in Deutschland je gegeben? Kann man korrupte Politiker mitten in ihrer Amtszeit abwählen? In Kuba kann man das.“ Habe ich eigentlich schon erwähnt, daß Kerem und Lisa stocknüchtern sind? Ich verlasse München.

Tenenbom, Tuvia: Allein Unter Deutschen. Berlin 2012.

Für Israel – gegen die antisemitische Internationale!

Flugblatt, verteilt auf der Israelsolidaritätskundgebung am 25. November 2012:

Israel sei, so schrieb einst der Historiker Léon Poliakov, „der Jude unter den Staaten“. Wie auch immer Israel sich konkret politisch verhalten mag, jede Politik dient seinen Feinden stets nur als Material, das man gegen Israel verwenden kann. Kein Abzug aus Gaza, keine Hilfslieferung und keine diplomatische Initiative hat es bisher vermocht, die Lage dauerhaft zu verbessern. Wie bedroht Israel seit seiner Gründung ist, davon zeugt bereits die Tatsache, dass sogar die Wohlmeinenden ständig Israels „Existenzrecht“ betonen müssen – und damit implizit bekräftigen, dass es auf der Kippe steht. Denn geht es gegen den jüdischen Staat, bildet sich – spiegelbildlich zur antisemitischen Projektion einer „jüdischen Weltverschwörung“ – eine arbeitsteilig funktionierende „antisemitische Internationale“: Hamas, Hisbollah und mittlerweile auch al Qaida kämpfen an vorderster Front, der Iran liefert die Waffen und bildet die Kämpfer aus, der Sudan stellt sein Territorium für Waffenfabriken zur Verfügung, Ägypten lässt den Dschihadisten freie Hand, die Türkei schickt ein mit Islamisten und europäischen Antizionisten besetztes Schiff zur Brechung der Seeblockade los, lateinamerikanische Führer machen shake hands mit Achmadinedschad, China und Russland blockieren jede Resolution gegen den bald nuklear bestückten Iran, die Süddeutsche Zeitung und andere europäische Leitmedien veröffentlichen antisemitische „Gedichte“, während die SPD mit der Hamas anbandelt und die vereinigte europäische Linke gegen Israel auf die Straße geht. Die „antisemitische Internationale“ funktioniert wie eine überdimensionierte Kriegsmaschine, bei der ein Rädchen ins andere greift und gegen die bislang nur F16-Bomber und die schützende Hand der Vereinigten Staaten von Amerika wirklich etwas ausrichten können.

Trotzdem ist es richtig, sich auch als weitgehend ohnmächtige Einzelperson an die Seite Israels zu stellen. Nur sollte man sich dabei, gerade in Deutschland, keinen Illusionen hingeben: Dass der deutsche Außenminister sich heuer eindeutig zur Solidarität mit Israel bekennt, ist zwar so überraschend wie erfreulich, doch es handelt sich dabei eben nur um ein Bekenntnis – ebenso wie Angela Merkels Beteuerung, die Sicherheit Israels sei deutsche Staatsräson. Als vor einigen Monaten konkret über einen möglichen Präventivangriff auf die iranischen Atomanlagen diskutiert wurde, die zur Auslöschung Israels errichtet werden, beeilte sich Bundespräsident Gauck sofort, Merkels Aussage zu relativieren: Es könne schließlich nicht in Deutschlands Interesse liegen, in einen Krieg verwickelt zu werden.

So geht sie, die offizielle deutsche Israelsolidarität: Auf jedes Bekenntnis folgt ein „aber“; so auch beim jüngsten Gazakrieg, wo es sich die Süddeutsche Zeitung – Deutschlands antiisraelisches Hetzblatt Nummer eins – nicht verkneifen konnte, wieder einmal die israelische Selbstverteidigung gegen antisemitischen Terror auf die dümmliche und relativierende Formel „Gewalt auf beiden Seiten“ zu bringen. Im Spiegel durfte Jacob Augstein, der in Sachen Judenkritik wirklich ein gelehriger Schüler seiner Väter Martin Walser und Rudolf Augstein ist, zum Besten geben, die Israelis führten den Krieg aus „Rache“ und seien ohnehin allesamt Fundamentalisten, die den Islamisten in nichts nachstünden. Und das ZDF wusste, dass Israel mit Achmed al-Dschaabari – dem Anführer der Qassam-Brigaden – einen „gemäßigten Palästinenser“ getötet hat, mit dem man doch wirklich hätte reden können.

Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten also – wo noch immer die Mehrheit, insbesondere bei der Republikanischen Partei, hinter Israel steht – repräsentiert der deutsche Außenminister eben nicht die Mehrheit der Bürger, wenn er erklärt, dass der Schuldige in jedem Fall im Gazastreifen sitzt. Erst im Mai dieses Jahres hat sich wieder einmal deutlich mehr als die Hälfte der in einer Studie Befragten klar gegen Israel positioniert. Und die Tatsache, dass die Süddeutsche mit ihrem widerwärtigen Nahostspezialisten Peter Münch die auflagenstärkste sogenannte Qualitätszeitung dieses Landes ist, spricht Bände: Die Hoffnung auf deutsch-israelische Verbrüderung im großen Stil ist eine Illusion. Wer bedingungslose Solidarität mit dem jüdischen Staat einfordert, der kann die schwarz-rot-goldene Fahne auch weiterhin nur mit der Gefahr tragen, sich lächerlich zu machen.

Das Gleiche gilt für diejenigen, die den jüngsten antiautoritären Aufstand in der islamischen Welt als positive Entwicklung betrachten und partout nicht begreifen wollen, dass Israel damit weitere Sicherheitsrisiken beschert wurden. Plötzlich steht der Friedensvertrag mit Ägypten wieder zur Debatte, der tunesische Außenminister hat offiziell der Hamas seine Aufwartung gemacht und selbst der mögliche Sturz des syrischen Faschisten Assad, der immerhin in den letzten Jahren einer der wichtigsten global player im antiisraelischen Krieg gewesen ist, dürfte sich, nach allem, was man weiß, für Israel letztlich als fatal erweisen: Zwar wäre die Achse Teheran – Damaskus vorübergehend gebrochen, aber man glaube nicht, die Islamisten, die schon jetzt in den Startlöchern stehen, wären Israel in irgendeiner Weise weniger feindlich gesinnt. Während westliche Botschaften attackiert und Diplomaten getötet werden, antiisraelische Demonstrationen an der Tagesordnung sind und der Iran der Bombe immer näher kommt, meinen die Anhänger des „arabischen Frühlings“, ausgerechnet mehr Demokratie könnte den antisemitischen Furor aufhalten. Dabei weiß jeder, der es wissen will, dass die Feindschaft gegen Israel die islamischen Massen noch immer zusammengeschweißt hat und Volksherrschaft gefährlich ist, wenn das Volk aus lauter Wahnsinnigen besteht.

Die Erfahrung lehrt, dass Judenfeinde meinen, was sie sagen, und dass sie bereit sind, es umzusetzen, wenn sie die Gelegenheit dazu haben. Der Antisemitismus ist eine paranoide Weltanschauung, der mit Logik und „Fakten“ nur sehr begrenzt begegnet werden kann. Seine Akteure mögen sich immer wieder über das Wie oder das Wann uneinig sein, darüber bisweilen sogar in offenen Streit treten. Am Was, dem gemeinsamen Ziel, ändert sich jedoch nichts: der Vernichtung der Juden und ihres Staates, wo immer sich eine Möglichkeit auftut. Dem kann man mit keinem Argument, keinem geopolitischen Spielchen, keinem noch so großen Zugeständnis wirksam beikommen. Bei Menschen, die von einer übermächtigen jüdischen Weltverschwörung halluzinieren und sich aus aggressiver Opferpose heraus die Vernichtung Israels auf die grünen Fahnen geschrieben haben, helfen vorläufig nur die Waffen der IDF – bis vielleicht irgendwann einmal die Welt vernünftiger eingerichtet ist und der Antisemitismus als Produkt einer notwendig scheiternden, auf innerer wie äußerer Herrschaft basierenden Zivilisation verschwindet.