Bist Du Anti-Islamist, oder was?

Kommentar zum Antizionismus auf dem „Filmfest München“

Das „Filmfest München“ ist das zweitgrößte Filmfestival in Deutschland und lockt angesichts der dargebotenen Vielfalt glücklicherweise nicht nur Cineasten an. Aber das Festival ist, wie sollte es auch anders sein, nicht nur für das zahlende Publikum konzipiert, sondern auch auf das „networking“ der Filmszene ausgerichtet. In einem angegliederten Diskussions- und Informationsprogramm wird gebaggert und gebuhlt, was das Zeug hält. Kein Wunder, schließlich ist der Staat mit seinen zahlreichen institutionellen Verästelungen und Vorfeldorganisationen der Hauptfinanzier nicht nur des Festivals, sondern der deutschen Filmszene insgesamt. Und wo der Staat in absolutistischer Manier Gelder für „Kulturschaffende“ vergibt, da sind die Ideologieproduzenten nicht weit.

filmfestBesonders wird das wieder einmal am Engagement der Kreativen gegen den jüdischen Staat deutlich. Unter dem Vorsitz des „Cineasten und Pfarrers“ (BR) Eckart Bruchner wählte eine international besetzte Jury ausgerechnet den deutsch-französisch-belgischen Film Das Schwein von Gaza für den One-Future-Preis 2013 aus. Der Film setze sich in „ethisch und filmästhetisch überzeugender Weise“ mit dem Gedanken einer „unteilbaren Zukunft“ auseinander. Tatsächlich sucht der Film Das Schwein von Gaza das Publikum in seinem Hass auf Israel zu einen. Israel erscheint in dem Film als brutale und arrogante Besatzungsmacht. Da, wo der antisemitische Terror der Hamas überhaupt thematisiert wird, wird er konsequent mit der Verteidigungspolitik Israels gleichgesetzt. Weil Unterscheidung nicht die Sache von Kulturschaffenden ist, die an der „einzigen unteilbaren Welt“ interessiert sind, fungiert in dem Film ausgerechnet ein Schwein als Symbol globaler Identität: „Was die beiden verschiedenen Lager dieses Films [Juden und Muslime] vereint“, erläuterte der Regisseur Sylvain Estibal, „ist einzig und allein, dass sie das Schwein verabscheuen. So wird das Schwein zum Botschafter, Grenzgänger – zur Verbindung zwischen den beiden Lagern. Aus diesem kleinsten gemeinsamen Nenner entsteht Verständnis, das zu einer Annäherung führt. In gewisser Hinsicht könnte man sagen: Das Hängebauchschwein ist meine Friedenstaube!“ Dass die Hamas, die mit absoluter Mehrheit von den Palästinensern gewählt wurde, Juden gerne wie Schweine abschlachten würde, dass ihre Propagandaabteilung tagtäglich die Juden als „von Affen und Schweinen abstammend“ darstellt, kommt in Estibals Friedensbotschaft nicht vor. Stattdessen hält er sich an das uralte europäische, jüngst von der FPÖ wiederverwertete Motto: „Isst Du Schwein, darfst Du rein!“ Fundamentalisten seien sie beide, Juden wie Muslime. Dass bei derlei Gleichsetzungen die grundlegende Differenz – der palästinensische Krieg gegen die Juden auf der einen, die israelische Selbstverteidigung auf der anderen Seite – untergeht, ist kein Zufall, sondern Absicht.

Dies zeigt sich bei einer Veranstaltung, die im Rahmen des Filmfests im Rio Filmpalast ausgerichtet wird. Unter dem selten dämlichen Titel „Anti-Semitismus/Anti-Islamismus heute?“ soll, begleitet von eingestreuten Filmchen, über den sogenannten Nahostkonflikt parliert werden. Wie die Veranstalter ticken, zeigt sich bereits daran, dass sie die im 19. Jahrhundert vom Rassenwahn erfundene Konstruktion des „Semitismus“ – womit immer eine Weltverschwörung der Juden gemeint war – sprachlich der sehr realen faschistischen Bewegung des „Islamismus“ durch ein slash gleichstellen. Dass poststrukturalistisch geschulte Kreative das uneindeutige Zeichen dem klaren Begriff vorziehen, weil sie nicht auf Erkenntnis, sondern auf Gesinnungsproduktion aus sind, ist das eine; das andere, viel schlimmere, ist, dass sie durch diesen Taschenspielertrick den Kampf gegen den islamischen Faschismus („Islamismus“) zu diskreditieren trachten. Wer „Anti-Islamist“ ist, sei schon ein halber Nazi, tönt es unüberhörbar aus dem Subtext.

Und so ist im weiteren Text auch kein Wort über den Antisemitismus zu hören, sondern nur ein allgemeines Palaver über angeblich in Deutschland grassierende „Angst vor Überfremdung“ und „Fremdenfeindlichkeit nicht nur gegenüber Asylsuchenden, sondern auch gegenüber längst eingebürgerten Mitmenschen aus anderen Kulturen und Religionen“. Es ist freundlich von den Organisatoren, zu betonen, dass auch muslimische Deutsch-Türken Menschen sind, aber mit einer Kritik des Antisemitismus, der bekanntlich alles andere als eine Form der Fremdenfeindlichkeit ist, hat das nichts zu tun. Die Abgrenzung vom Antisemitismus, der als Chiffre für den Holocaust stehen soll, dient nur dazu, mit um so besserem Gewissen gegen Israel vom Leder ziehen zu dürfen. Nicht der nach der Atombombe strebende Iran, nicht die auch in Deutschland aktive Hisbollah, nicht die Hamas und auch nicht die Fatah stellt für die Organisatoren das Problem dar, sondern „Debatten um den Nahostkonflikt, Islamismus und den weltweiten Terrorismus“, welche die „Stimmung“ anheizten. Wer so schreibt, glaubt an die Existenz israelisch-zionistischer Lobbys, welche die Politik beherrschten und ausgeschaltet gehörten. Dass die vermeintlichen Drahtzieher des gesellschaftlichen Unheils, die eine „einzige unteilbare Zukunft“ verhinderten, die Charakterzüge der antisemitischen Figur des Juden tragen, zeigt dann einleitend auch der indische Film „Reluctant Fundamentalist“, der als Metakommentar zur „Anti-Semitismus/Anti-Islamismus“-Veranstaltung begriffen werden muss: „ein Film über Broker aus der internationalen Finanzwelt“.

Zum Abschluss erwartet dann den Besucher ein moralinsaures Stelldichein mit den „Medienpädagogen“ Stefanie Landgraf und Johannes Gulde, die einen Dokumentarfilm namens Liebe Grüße aus Nahost gedreht haben, in dem deutsche Jugendliche Israelis die sowohl kontrafaktische als auch grundideologische Phrase von „der Spirale von Gewalt und Gegengewalt“ auftischen, um ihnen das Recht auf Selbstverteidigung abzusprechen.

Man kann von Kulturschaffenden nicht erwarten, dass sie etwas Schlaues sagen – daran hindert sie schon ihre selbstgewählte Profession. Dass sie aber zu bestimmten Themen einfach mal den Schnabel halten, das ist nun wirklich nicht zu viel verlangt. In diesem Sinne fordern wir ein Schweigegelübde aller europäischen Filmschaffenden, „Pfarrer und Cineasten“ zum Thema Israel!

Gruppe Kir Royal | [Critica da Monaco]
München, den 2. Juli 2013
ideologiekritik.org

Antiautoritär gegen Israel

Über die Ausstellung „Wem gehört die Stadt?“ im Münchner Stadtmuseum

Unter dem Titel „Wem gehört die Stadt?“ bietet das Münchner Stadtmuseum geneigten Bürgern derzeit die Möglichkeit, zwischen Mao-Bibeln, Protestplakaten und einer Badewanne die Siebzigerjahre nachzuerleben. Vor Ort kann der gelangweilte Besucher dann feststellen, dass sich in linksalternativen Kreisen nicht viel geändert hat – selbst der schon immer unsägliche Sigi Pop sucht bis heute in regelmäßigen Abständen Münchner Bühnen heim – und dass jeder mit einem etwas später gelegenen Geburtsdatum reichlich Glück gehabt hat. Aber nur, wer eine mittelschwere Geschichtsamnesie hat, kann den immerhin angenehm kurzen Rundgang innerhalb von Minuten einfach beenden und unter der Rubrik „Kuriositäten“ verbuchen. Wer sich auch nur ein bisschen in der Geschichte der deutschen Linken auskennt und nicht völlig verblödet ist, wird nicht umhin kommen, eine gravierende Dokumentationslücke zu bemerken: linken Antisemitismus nämlich.

Der Facebook-Werbetext hatte der linken Bewegung noch, so typisch protzig-verklausuliert wie leider auch zutreffend, einen „Impuls antiautoritären Denkens und Handelns als Gegenentwurf zu einem formell repräsentativ verfassten Politikverständnis“ attestiert. Das ist ehrlich gesprochen, was es aber konkret bedeutete, wird in der Ausstellung verschwiegen. Das „antiautoritäre Denken“ der Siebzigerjahre richtete sich politisch in erster Linie gegen den Westen – nicht gegen Herrschaft als solche, sondern gegen eben jene Form von Souveränität, in der Individuum, Volk und Staat noch nicht unmittelbar miteinander identisch sind. Die vielen mao-stalinistischen Grüppchen und Pseudoparteien, die in der Ausstellung offenbar bewusst ausgeblendet werden, obwohl sie doch vor Maos Tod 1976 das organisatorische und ideologische Herzstück der Neuen Linken darstellten, repräsentierten eine Generation, die von ihren Eltern die Wut über die Niederlage im Zweiten Weltkrieg geerbt hatte und deshalb erneut „siegreich im Volkskrieg“ sein wollte. Die Bundesrepublik sollte als „imperialistischer Staat“ wieder durch einen Volksstaat ersetzt werden und all die kämpfenden Hilfsvölker der Dritten Welt sollten in ihrem Kampf gegen die Alliierten nachträglich durch eine gehörige Dosis „Solidarität“ entschädigt werden. Als die K-Gruppen sich in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre auflösten und deren Mitgliederschaft in die „Neuen Sozialen Bewegungen“ diffundierte, wurde das antiautoritäre Denken zwar führerlos, segelte aber mit den Stichworten „Ökologie“ und „Frieden“ weiter unter völkisch-antiimperialistischer Flagge – bis hinein in den Bundestag, wo die Grünen sich heute als drittstärkste und vielleicht bald zweitstärkste Volkspartei etabliert haben.*

Die in einem Teil der Protestbewegung schon von Beginn an aufschäumende Faszination für militante Formen des „Widerstandes“, aber auch die zunehmende Abwendung von konkreten innergesellschaftlichen Problemen hin zu jenem rot-braunen Antiimperialismus, dem schon die Eltern gefolgt waren, markierte den endgültigen Übergang von der Protestbewegung der Sechzigerjahre in eine konformistische Revolte. Was gerade im antiautoritären Flügel des SDS um die ‚späteren’ Nazis Bernd Rabehl und Günter Maschke schon vorgezeichnet war, kam in den Siebzigern zu sich selbst: der Antiimperialismus als Zentrum linker Weltanschauung. Die notdürftige Rationalisierung des Hasses auf gerade jene Teile des von den Westalliierten implementierten Rechtsstaates, die in der weitgehenden Bändigung des Volkszorns bestanden, änderte nichts daran, dass viele Aktivisten – nicht nur in den K-Gruppen – es unter der Parole „Solidarität mit Palästina!“ immer offensichtlicher auf die Wiederermächtigung des antisemitischen Mobs abgesehen hatten. Seither werden jüdische und israelische Einrichtungen in der Stadt, die wieder dem „Volk“ gehören sollte, rund um die Uhr bewacht.

Da das entsprechende „antiautoritäre Handeln“ sich letztlich gegen die Juden und ihren Staat richten musste, hätte man als Besucher einer Ausstellung über diese Zeit erwarten können, die harmlosen Yoga-Hippies als das präsentiert zu bekommen, was sie tatsächlich waren: der nur dumme, aber ungefährliche Rand einer Generation, deren innerer Antrieb auf den Kampf gegen Israel drängte. Eben dies in der Ausstellung auszublenden, kann man nur als vorsätzlich betrachten – war doch gerade München von Beginn an ein Zentrum des antisemitischen Terrors. Und dies betrifft nicht nur die palästinensischen Genossen, die 1970 ein israelisches Flugzeug in München-Riem zu entführen versuchten und 1972 nahezu das gesamte israelische Olympiateam ermordeten: Als am 13. Februar 1970 ein Brandanschlag auf das jüdische Altenheim in der Reichenbachstraße verübt wurde, bei dem sieben Menschen starben, lag angesichts der scharfen antizionistischen Propaganda der Linken und einem zum Glück gescheiterten Bombenattentat auf die Berliner jüdische Gemeinde durch Kunzelmanns „Tupamaros“-Gruppe einige Monate zuvor die Vermutung nahe, dass linke Antisemiten hinter dem Anschlag steckten. Der Politologe Wolfgang Kraushaar hat in seinem jüngsten Buch diese These zu belegen versucht und wurde dafür von der linksliberalen Presse nicht von Ungefähr aufs Übelste denunziert. – Aber unabhängig davon, wie überzeugend seine Argumentation ist, zeigen schon die damaligen Reaktionen der linken Gruppierungen, wie eng sie mit dem antisemitischen Terror verflochten waren. Der linke AStA der Uni München etwa sagte aus angeblichen Pietätsgründen eine ursprünglich geplante Demonstration gegen – Überraschung – den israelischen Botschafter Abba Eban ab; man könnte auch sagen, der Studierendenausschuss fühlte sich ertappt. Schon im September demonstrierten wieder über 500 Personen für den „gerechten Kampf der Palästinenser“. Und die „Tupamaros München“, denen das Attentat von vielen zur Last gelegt wurde und wird, wehrten sich gegen die Vorwürfe durch abermalige antisemitische Ausfälle: „Wir treffen keine Unschuldigen. Diesen neuen Reichstagsbrand im Altersheim können nur Leute gelegt haben, die dran interessiert sind, die Hexenjagd auf die Feinde des US-zionistischen Imperialismus zu eröffnen.“

Nach diesen Manifestationen des linken Antisemitismus sucht man im Münchner Stadtmuseum jedoch vergeblich. Stattdessen ist auf dessen Website vermeintlich harmlos von „Solidarität im Kampf gegen Kolonialismus und diktatorische Regime“ zu lesen. Und die Verdrängung hat Methode: Die deutsche Alternativbewegung hat auf Teufel komm raus das Bessere zu sein; die Antisemiten seien Einzelne gewesen, mit denen die Bewegung selbst nichts gemein gehabt habe. Mit dieser Lüge fühlen sich die Überreste der Bewegung und ihre Erben noch heute als die Ausgeburten von Menschlichkeit und Moral – zuvörderst wenn es darum geht, Israel des „Kolonialismus“ zu schelten und durch das Herbeifantasieren eines „pragmatischen Teils der Hamas“ (C. Roth) den Mord an Juden abermals als politisches Programm zu legitimieren.

Anmerkung:

*Auf kommunaler Ebene, etwa in München-Haidhausen und Schwanthalerhöhe, sind sie es schon längst. Und in Schwabing, der Heimat von Kunzelmanns Gruppe SPUR, liegen sie nur einen Prozentpunkt hinter der CSU.

Veranstaltung mit Richard Kempkens

Ungeglaubter Glaube, gläubiger Unglaube: Katholizismus im Land der permanenten Reformation

Der scheidende Papst Benedikt XVI. hat offenkundig genug von den kalten Böen, die ihm ständig die Soutane aufwirbelten, den äußerst lästigen Benedetto-Chören und den ständigen Mikrophonrückkopplungen. Der Vorsteher der meistgehassten und meistverfolgten Religionsgruppe der Welt hat kaum seinen Rücktritt angekündigt, da erhebt sich im deutschen Blätterwald und den nie fehlenden Umfragen die fast einhellige Forderung nach Reformen, nach einem neuen aggiornamento an den postmodernen Zeitgeist, nach einer Vertiefung der Ökumene, nach weiblichen Priestern, schwulen Ehepaaren und selbstverständlich nach einem nichtweißen Kirchenoberhaupt, sprich: nach einem Obama-Papst, einem antipapstKrankenhausclown mit großem Latinum. Die Segel gebläht von der heißen Luft, die sie erzeugen, und doch irgendwie vom Heiligen Vater so plötzlich verlassen wirkend wie das Kirchenvolk selbst, rufen sie nun von Spiegel bis Zeit nach dem Ende des finsteren Mittelalters, nach innerkirchlicher Demokratie und der endlichen Preisgabe der irrationalen Dogmen, die doch nur den interreligiösen Dialog belasten und den Reproduktionsbetrieb stören. In der katholischen Kirche selbst, namentlich in der deutschen, ist der Wunsch groß, ein reibungslos in den Staat gefügtes Dienstleistungsunternehmen mitsamt pflegeleichter corporate identity zu werden, und dementsprechend klingen viele katholische Wortmeldungen wie aufdringliche Bewerbungen beim Souverän als Sinnstifter. Benedikt XVI. aber, der „erzkonservative“ Dorn in allen Augen, machte sich trotz der schwer identitätsbedürftigen Zeiten verhasst, weil er die Rolle des österlichen Grußaugusts immer wieder dazu nutzte, der sogenannten westlichen Zivilisation in Erinnerung zu rufen, was ihre unhintergehbaren Ausgangspunkte sind, wo ihre zu entfaltenden Forderungen wurzeln: in der hebräischen Gottessuche, der griechischen Philosophie und dem römischen Recht. Es wird zu untersuchen sein, was es mit diesem XXI. Jahrhundert des Abendlandes auf sich hat, an welches sich der vermeintlich „mittelalterliche“ Klerus anpassen soll und nicht ganz will, das sich mit Riesenschritten an die Abwicklung und Einebnung des katholischen Ärgernisses, des fundamentalistischen US-Christentums und last but not least des orthodoxen Judentums macht und gleichzeitig die Diversität der menschenverachtendsten Ideologien von den Islamisten bis zum Dalai Lama abfeiert.
Richard Kempkens ist Redakteur der Kölner Zeitschrift Prodomo und schreibt überdies für die Bahamas.


Mittwoch, den 13. März 2013, 19 Uhr

Salon Irkutsk, Isabellastraße 4, München-Schwabing