Narzisstische Freigeister

Über den Vorwurf der Linientreue und die antiautoritäre Sistierung des Denkens

Seit jeher gilt: Wer sich in Deutschland anschickt, einen politischen Gedanken zu fassen, legt allerhöchsten Wert darauf, sich von niemanden dreinreden zu lassen. Man lässt sich lieber von eigenen unmittelbaren Gewissheiten inspirieren – sprich von dem, was man ohnehin denkt –, anstatt sich irritierenden und die spontane Abwehr provozierenden, also tatsächlich kritischen Positionen auszusetzen. Zeitgenössische Antideutsche stehen dem in nichts nach. Obwohl sich ihre Standpunkte von denen der Bundesregierung nur insofern unterscheiden, als sie ihrer Zeit negativ voraus sind, begreifen sie sich unbedingt als originell, unabhängig und kreativ. Sie haben, wenn nicht von den Eltern, dann spätestens im Uni-Seminar gelernt, dass es darauf ankommt, alles immer selber „durchzudenken“ und „kritisch zu hinterfragen“, wie es im Jargon heißt. Der deutschen Geschichte haben sie so die Lehre abgerungen, dass alles, was nach Einbindung des Einzelnen in ein politisches Kollektiv, eine politische Organisation oder Bewegung riecht, irgendwie faschistisch sein muss. Dem setzen sie mutig den Gebrauch ihres eigenen Verstandes entgegen – leider und viel zu häufig auch dann, wenn es besser wäre, nicht selbstbestimmt loszuplappern, sondern innezuhalten und zuzuhören, also zu lernen.

Mit kritischer Miene Vorträgen lauschend, die zu verfassen oder organisieren sie aus den ausgeführten Gründen nicht in der Lage sind, kichern sie sarkastisch herum und flüstern sich gegenseitig bestätigende Gewissheiten ins Ohr. Obwohl man wissen könnte, was man der Bahamas zu verdanken hat, findet man sie notorisch scheiße. Da man dafür jedoch keine Argumente hat, verlegt man sich auf den pseudoradikalen Gestus des ungebundenen Geistes, um sich als den darzustellen, der es nicht nötig hat. So, wie es keinen Kanon und keine Klassiker mehr geben soll, ist orthodoxes Denken – die theoretische Bedingung der Möglichkeit kritischer Theorie – all denjenigen ein Graus, die die Welt ganz eigenständig für sich entdecken wollen. Analog dem Kleinkind, das nur annimmt, was es sich selber in den Mund gesteckt hat, legen heutige, in Bezug auf Organisationsfragen postpolitische Freidenker, denen es vor allem darum geht, sich als genialische Individuen aufzublasen, die Dialektik von eigenem, die Sache nachvollziehendem Denken und autoritativer geistiger Tradition als unabdingbare Voraussetzung von Kritik antiautoritär still. Was bei den bösartigsten Idioten dann im Stalinismusvorwurf gipfelt, ist der Hass auf politische und menschliche Solidarität[1] schlechthin, ohne die kritische Intervention erst gar nicht denkbar ist.

Gerade weil man sich von den anderen kaum unterscheidet und in allem so denkt wie alle, nur eben etwas lauter, auftrumpfender und ungestümer, muss man zu jeder sich bietenden Gelegenheit betonen, wie unabhängig man doch sei. Um das gute Gefühl der Autonomie weiter gegen die Realität absichern zu können, muss jeder Anschein vermieden werden, man lehne sich an irgendetwas an oder übernehme Gedanken, die man sich nicht selbstständig erarbeitet hat. Dieser zutiefst repressive Zugang zum Geistigen an sich ist insofern spezifisch deutsch, als er qua Eigenbrötlertum nicht in der Lage ist, sich auf positiv-vernünftiger Grundlage mit anderen zu assoziieren und allein deshalb die Möglichkeit einer „Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“ (Marx/Engels) von vornherein kassiert. Schon die „Bildung unzeitgemäßer Kollektive“ (Horkheimer) beziehungsweise des „kollektiven Kritikers“ (Nachtmann) wird durch das zeitgemäße subjektivistisch-narzisstische Unvermögen zur kritischen Einigung – die praktische Bedingung der Möglichkeit kritischer Theorie – verunmöglicht. In der prinzipiellen Unfähigkeit zur Parteinahme und zur Gegenidentifikation drückt sich letztlich nichts anderes aus als die Unfähigkeit zum politischen Urteil überhaupt.

Die Gruppe Kir Royal weiß, dass kritisches Bewusstsein nicht angeboren ist, sondern ganz im Gegenteil nur in persönlicher und gemeinsamer, kritischer und affirmativer Auseinandersetzung mit geistigen Autoritäten angeeignet werden kann. Deshalb scheut sie sich nicht, zuzugeben, dass sie von anderen gelernt hat und dies bisweilen immer noch tut. Insofern druckst sie nicht verkrampft herum, wenn es darum geht, Positionen auch dann anzunehmen, wenn sie sich diese nicht selbstständig und eigenverantwortlich ausgedacht hat, sondern erst im – ganz sicher: kritischen – Nachvollzug für vernünftig befindet. Sie hält es also ganz maßgebend mit der Einsicht, dass „bei jungen Menschen, wenn sie sich an einen Lehrer, im wörtlichen oder weiteren Sinn, anschließen, das kein Unglück ist. Goethe hat gewusst, daß Originalität etwas ist, was sich erst bildet, und nicht der chronologische Anfang, dahinter sollte man nicht zurückfallen.“[2] Die Gruppe Kir Royal schließt sich diesen Worten ihres Lehrers Theodor W. Adorno ausdrücklich an.

Gruppe Kir Royal, Mai 2018

[1]„Der Begriff der Solidarität jedoch scheint mir mit dem der Nächstenliebe äußerst verwandt zu sein.“ Max Horkheimer: Die Funktion der Theologie in der Gesellschaft, in: Gesammelte Schriften, Bd. 7, S. 312.

[2]Theodor W. Adorno: Brief an Claus Behncke, 21. Februar 1964.

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#MeToo: Der konformistische Angriff auf die unreglementierte Annäherung der Geschlechter – Vortrag und Diskussion mit David Schneider und Thomas Maul

Freitag, den 25.05.2018 um 19:00 Uhr im Nachbarschaftstreff Theresia, Pfeuferstraße 3 in München (Westend/Sendling). Der Eintritt ist frei.

„Als Frauen erkennen wir uns nicht in diesem Feminismus, der über die Anprangerung von Machtmissbrauch hinaus das Gesicht eines Hasses auf Männer und die Sexualität annimmt.“

Catherine Deneuve

Mit dem Suizid von Benny Fredriksson erreichte #MeToo seinen traurigen Höhepunkt: Obwohl der langjährige Leiter des Stockholmer Stadttheaters, dem trotz einer aggressiven Hetzkampagne keine sexuellen Belästigungen, geschweige denn sexuelle Übergriffe nachgewiesen werden konnten, verkündete, die Kritik an seinem Haus ernst zu nehmen und interne Untersuchungen anzustellen, wollte man ihm keine zweite Chance geben. Fredriksson trat daraufhin von seinem Amt zurück und nahm sich aufgrund des allgegenwärtigen Drucks wenige Wochen später das Leben.

Im Fall des schwedischen Theaterleiters bündeln sich zwei negative Grundzüge des Phänomens #MeToo: Die auf Denunziation, Verleumdung und Selbstjustiz setzende Ablösung des bürgerlichen Rechts durch vage Anschuldigung sowie das absichtliche Zusammenwerfen von schlechtem Charakter und Benehmen mit sexuellen Übergriffen bis hin zur Vergewaltigung. #MeToo kann als postbürgerliches Syndrom einer Gesellschaft gelten, deren Einzelne sich nicht mehr in der Lage wähnen, zu erkennen, ab wann ein Kuss, eine Berührung übergriffig wird, weil sie zu verängstigt, zu misstrauisch oder schlichtweg psychisch zu deformiert sind, um ohne Durchreglementierung des privaten Bereichs noch zu flirten, sich anzunähern oder miteinander Sex zu haben. In dem Vortrag wird diesem Sachverhalt ebenso auf den Grund gegangen wie der Frage, wie es sein kann, dass ein Feminismus, dessen Ziel es ursprünglich war, Frauen zu Subjekten, also Gleichen unter Gleichen zu machen, sich dazu hinreißen lässt, ihren angeblich schützenswerten Opferstatus für alle Ewigkeit zu zementieren. Anstatt auf individuelle, mithin weibliche Stärke zu setzen, optiert der #MeToo-Feminismus fürs regressive Aufgehen im lustfeindlichen, jegliche Abweichung abstrafenden Rudelsubjekt.

Liebe Merkel-Antideutsche: Ihr seid Deutschland!

Der neue Bundesaußenminister Heiko Maas steht exemplarisch für einen mehr oder minder erfolgreichen Schlag von Deutschen, deren an kritischer Theorie geschultes politisches Engagement vom Impuls getragen ist, dass Auschwitz sich nicht wiederhole. „Ich bin wegen Auschwitz in die Politik gegangen“[1], verlautbarte Maas selbstbewusst in seiner Antrittsrede. Die antideutsche Grundstimmung dieses Schlages kann mittlerweile als Kernkompetenz gelten, die zum politischen und akademischen Karrieremachen geradezu prädestiniert. Aufstrebende Jungpolitiker wie die langjährige Sprecherin der Grünen Jugend und amtierende stellvertretende Bundesvorsitzende der Partei, Jamila Schäfer, die verantwortungsvoll antideutsches „Geschichtsbewusstsein“ einfordert[2], oder der Bundesvorsitzende der Jusos und Jungle-World-Leser[3] Kevin Kühnert gehen als kritische Genossen durch, obwohl sie alles das bekämpfen, was der vollendeten Durchsetzung zeitgemäßer deutscher Ideologie noch irgend im Wege steht. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass sie die Aufkleber der gleichnamigen Kampagne von 2006 ebenso abgerissen haben wie alle WM-Plastikfähnchen, die ihnen seitdem untergekommen sind, gilt für jeden Einzelnen dieses Typus: Du bist Deutschland! Fortschrittlich und antirassistisch, flüchtlingsbegeistert und pazifistisch, europäisch und gendergerecht, hip und kultursensibel, links und zukunftsfit, ökologisch korrekt und antinational, religions-, aber nicht islamkritisch, sehen sie im Aufstieg der AfD-„Kotzbrocken“[4] die große Gefahr für die innerdeutsche Eintracht und im amerikanischen Präsidenten Donald Trump die große Gefahr für den weltweiten Frieden.

Das antideutsche Geflecht in Deutschland, dem die DIG-Jugend ebenso zuzurechnen ist wie allerlei israelsolidarische Antifa- und AStA-Gruppen, besetzt die Avantgarde-Position innerhalb einer parteiübergreifenden Volksfront, zu der nur die AfD – und, mit Abstrichen, die CSU – nicht gehört. So wie die Israelsolidarität dieser Avantgarde von Anfang an bloß darauf abzielte, innerhalb des politischen Betriebs anzuecken und aufzufallen, ist auch ihre antinationale und vermeintlich kritische Haltung vor allem antiautoritär-pubertäres Stunk-Machen, um den eigenen Stall mal gründlich auszumisten und sich als die künftigen Polit-Hühner beziehungsweise -Gockel auf der Stange zu platzieren. Ginge es tatsächlich um Israel, müsste allem voran der Antisemitismus des Islams als wirkmächtigste ideologische Ursache der weltweiten Judenverfolgung benannt werden. Dem entziehen sich antideutsche Mitmacher, wenn es nicht immer auch und gleichzeitig um andere „potentiell antisemitische Strömungen in unserer Gesellschaft“ geht, wie es in einer von antideutschen Jungakademikern aus Frankfurt in Fleißarbeit organisierten Entebbe-Ausstellung hieß, auf der „Selektionsnarrative“ präsentiert und „verschiedene[] Positionen ins Gespräch miteinander gebracht“ wurden.[5] Für die akademische oder politische Laufbahn, so viel ist sicher, hat es sich trotz aller grammatischen Unzulänglichkeiten gelohnt.

Die Gruppe Kir Royal verweigert sich solcherart linksantideutschem Unfug in Gänze und grundsätzlich. Sie hat kein Interesse an einer Relativierung des antijüdischen und antiwestlichen Dschihads durch den Verweis auf die im Vergleich harmlosen Ordnungspolitiker der AfD oder den Israelfreund Donald Trump. In Zeiten, in denen Ex-Genossen, die es besser wissen müssten, mit Merkel, Schulz und Roth gegen Amerika und die AfD klüngeln, damit der gesamtdeutsche Laden sauber bleibt, hält es die Gruppe Kir Royal dann doch lieber mit dem ehemaligen Klassenfeind CSU. Sie kann Horst Seehofers kritischem Satz, dass zwar die hier lebenden Muslime zu Deutschland gehören, nicht aber der Islam – beides selbstverständlich im normativen Sinne –, nur zustimmen. Im Jahr 2018 findet sich kritisches Denken, und das allein spricht für sich und in erster Linie gegen die Merkel-Antideutschen unserer Zeit, weit eher in bayerischen Bierzelten als bei antideutschen Nachwuchspolitikern, Entebbe-Ausstellungen und DIG-Gruppensitzungen. Insofern: Prost!

Gruppe Kir Royal, April 2018

[1]https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Bulletin/2018/03/30-1-bmaa-antrittsrede.html.

[2]https://gjspunk.de/warum-der-9-november-kein-tag-zum-feiern-ist/.

[3]http://www.spiegel.tv/videos/1264349-spd-hoffnungstraeger-kevin-kuehnert (Minute 3:49).

[4]https://twitter.com/jamila_anna/status/935509995923361792.

[5]http://selektion-von-entebbe.de/ausstellung/ausstellungskonzept.html.

Der Benz unter den Experten

Auf den Straßen tobt offener Judenhass – und der ehemalige Leiter des „Zentrums für Antisemitismusforschung“ gibt Entwarnung

Als noch nicht sicher war, ob die im Westjordanland entführten jüdischen Jugendlichen noch am Leben sind, versammelten sich in mehreren deutschen Städten – auch in München – Menschen zu kleinen Solidaritätskundgebungen, die das Auge der Öffentlichkeit auf das Leid der Jugendlichen und ihrer Familien lenken wollten. Für einige Judenfeinde war selbst das zu viel an „Israelsolidarität“: Am 20. Juni wurde in Hamburg ein 83-jähriger Demonstrant von einem linken Palästinafreund angegriffen und musste danach ins Krankenhaus gebracht werden. Auch die Tochter des Verletzten, die diesem zu Hilfe eilte, wurde attackiert. Dies war der Auftakt, der freilich in einer langen Reihe offener antisemitischer Gewalt und Propaganda in den letzten Jahren steht.

Mit Beginn der israelischen Militäroperation „Protective Edge“, welche auf die Zerstörung der Raketenabschussanlagen und Waffenschmuggeltunnel der Hamas im Gazastreifen zielt, hat eine Flut antisemitischer Aufmärsche, Hetze und Straftaten begonnen, die im Folgenden nur ausschnittsweise dokumentiert sei. Fast allen Vorkommnissen ist gemein, dass die Polizei Juden und Israelfreunde nicht schützen konnte oder wollte; häufig wurden gerade diejenigen, die gegen Antisemitismus demonstrierten, des Platzes verwiesen, während der arabisch-türkisch-deutsche Mob seinem Hass freien Lauf lassen durfte.

Am 12. Juli marschierten Linke, Islamisten und Neonazis in Frankfurt einträchtig nebeneinander. Dabei skandierten sie immer wieder die zum Schlachtruf der Bewegung avancierte Parole „Kindermörder Israel“, die eine aktualisierte Variante der mittelalterlichen Ritualmordlegende darstellt und einige Tage später in Berlin auch folgerichtig von einer Fotomontage untermalt wurde, die den israelischen Ministerpräsidenten beim Verspeisen eines palästinensischen Kindes zeigt (wozu der kleinen Waffen-SZ, der Stuttgarter Zeitung, als Bildunterschrift nur einfällt, dass Netanjahu „im Zentrum der Kritik“ stehe). Ein Schild mit der Aufschrift „Ihr Juden seid Bestien!“ war zu sehen. Demonstranten griffen die Polizei mit Steinen an, woraufhin diese der Demonstration ein Polizeiauto samt Lautsprecheranlage zur weiteren Verkündung ihrer Hetze zur Verfügung stellte – laut Polizeisprecher, um die Situation zu deeskalieren. Am selben Tag demonstrierten in verschiedenen Städten Anhänger des palästinensischen Volkstumskampfes und trugen dabei – etwa auf der „Friedensdemonstration“ (so das Original aus der Hauptstadt der Bewegung) in München – u.a. Flaggen von Hamas, ISIS und Grauen Wölfen. In Gelsenkirchen riefen Teilnehmer der Demonstration „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“ und „Allahu Akbar!“.sz

Einen Tag später, am 13. Juli, wurde in Bremen ein Mann aus der Demonstration heraus als „Scheiß Jude“ beschimpft, ein Journalist der Taz tätlich angegriffen. Ein Passant, der seine Ablehnung des Demonstrationsanliegens zum Ausdruck gebracht hatte, wurde mit der Faust ins Gesicht geschlagen und musste von einem Notarzt auf die Intensivstation gebracht werden.

Am 17. Juli skandierten Dutzende Demonstranten in Berlin „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!“; am 18. Juli kam es in Leipzig erneut zu „Scheiß Juden“-Rufen auf einer Demonstration. In Essen wurden auf einer vom Jugendverband der Linkspartei organisierten Demonstration Schilder mit Aufschriften wie „Früher angeblich Opfer – heute Täter“ sowie Davidsterne mit Hakenkreuzen gezeigt. Es erschallen Rufe wie „Scheiß Jude, brenn“ und eine proisraelische Gegendemo wurde mit Flaschen und Steinen beworfen. Ein Teilnehmer der Gegendemonstration wurde nach Auflösung der Veranstaltung verprügelt. Es wurden Verfahren wegen des Zeigens des Hitlergrußes eingeleitet.

Am 19. Juli wurde in Berlin ein zufällig die Demonstration passierendes israelisches Ehepaar angepöbelt, da der Mann durch seine Kippa als Jude zu erkennen war. Die Täter schrien „Scheiß Juden, wir kriegen euch!“ und „Wir bringen euch um!“. Zeitgleich fielen in Nürnberg hunderte Antisemiten in Fastfood-Restaurants im Hauptbahnhof ein – in dem Glauben, es handele sich um „jüdische“ Geschäfte. In Göttingen wurden aus einer Palästina-Demo heraus mehrere proisraelische Gegendemonstranten, begleitet von „Judenschweine“-Rufen, angegriffen und verletzt.

Am 20. Juli wurden in Hannover durchgestrichene Davidsterne präsentiert und antisemitische Parolen gegrölt, abermals proisraelische Demonstranten mit Tritten und Schlägen traktiert. Und auch kurz hinter der Grenze, im österreichischen Bregenz wurden aus einer Demonstration heraus Israelfreunde (laut Demonstrationsteilnehmern: „die Juden“) angegriffen, denen die Polizei nach kürzester Zeit nur zur Flucht riet. Ähnlich verliefen an diesem Wochenende Gegenkundgebungen in Innsbruck und Wien.

Am 24. Juli stürmten bei einem Fußballspiel zwischen Maccabi Haifa und dem OSC Lille im Salzburger Bischofshofen etwa 20 Männer den Platz und griffen die israelischen Spieler mit Tritten und Schlägen an.

Soweit zur derzeitigen Situation, wobei die alltäglichen Vorkomnisse – Drohbriefe an Mitglieder der jüdischen Gemeinde, Ausfälle in jüdischen Museen, antisemitische Sprüche auf den Schulhöfen und Hetzartikel in der SZ – noch nicht einmal eingerechnet sind. Was aber sagt nun Deutschlands oberster Antisemitismus-Experte dazu? Ein Mann, der es schon in der Vergangenheit fertig brachte, die antisemitische Motivation des Attentäters von Toulouse infrage zu stellen? In der Zeit vom 22. Juli 2014 gab Prof. Dr. em. Wolfgang Benz, ehemaliger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin, ein Interview, das endgültig seinen ideologischen Versuch offenbart, jeden Antisemitismus zu bagatellisieren, der nicht von Neonazis mit Hitlerbärtchen und Hakenkreuzbinde geäußert wird.

benzDem Hinweis des Zentralrates der Juden in Deutschland, dass es eine „schockierende Explosion des Antisemitismus“ in Deutschland gibt, begegnet der Experte mit der lapidaren Antwort: „Kritik an der Politik Israels ist nicht gleich Antisemitismus. Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen: Antisemitismus ist hierzulande seit Jahrzehnten eine ziemlich konstante Größe. Nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung hegen so starke Ressentiments, dass man sie als Antisemiten bezeichnen kann.“ Indem Benz Vorfälle wie die oben beschriebenen unter das Stichwort „Kritik an der Politik Israels“ rubriziert, leugnet er nicht nur deren explizit antijüdischen Charakter, sondern tut auch so, als lasse sich das deutsch-islamische Gerede über Israel von Antisemitismus unterscheiden. Die willkürlich erscheinende Nennung der Zahl von 5% Antisemiten weicht extrem von der sonst in Umfragen üblichen Feststellung von 15-20% Personen mit antisemitischen Einstellungen ab und zeigt, dass Benz die Bedeutung der Tarnung, der Latenz und der Verschiebung in der postnazistischen Demokratie überhaupt nicht begriffen hat.

Angesichts der Tatsache, dass der Mann sich in den letzten Jahren zum Fürsprecher der angeblich so gehassten Muslime aufgeschwungen hat, ist erstaunlich, dass er diese konsequent aus der deutschen Gesellschaft ausschließt. Das Problem des Antisemitismus in Deutschland wird so gewissermaßen ausgelagert: „Wichtig ist jetzt, zu klären, wer das gerufen hat. Das waren offenbar junge Muslime oder Menschen mit Migrationsgrund. Das entschuldigt nichts, es ist auch nicht schlimmer oder weniger schlimm. Aber es ist wichtig für die Unterscheidung. Denn offenbar ist dies nicht der den Deutschen angeblich angeborene Antisemitismus, der immer wieder aufflackert.“ Zwar spielt der Hintergrund der Täter durchaus eine Rolle, wenn es darum geht, ihm aktiv entgegenzuwirken (was Benz allerdings selbst hintertreibt, wenn er die Kritik des Islam als „Islamophobie“ verunglimpft). Das ändert aber nichts daran, dass der islamische Antisemitismus „ein Teil von Deutschland“ (Christian Wulff) ist. Er kann gedeihen und sich austoben, weil es ein stilles Einverständnis der Mehrheit der autochthonen Deutschen gibt, das sich etwa in den Kommentaren der SZ, im Agieren von Polizei und Justiz oder in der Zustimmung zu antizionistischen Scharfmachern in Linkspartei und SPD ausdrückt.

Richtig ans Eingemachte geht es aber, wenn Benz sich auf sein Spezialfeld begibt, die psychologische Betrachtung des Antisemitismus: „Ressentiments gegen Juden sind Einstellungen – damit ist bei den meisten keine Gewaltbereitschaft verbunden.“ Nichts als Vorurteile, so wie die der Preußen gegen die Bayern oder der Kölner gegenüber den Düsseldorfern. Eine Geschichte der Gewalt, die in jedem antisemitischen Wort mit transportiert wird? Der Professor hat nie davon gehört. Selbst als er vom Interviewer mit der manifesten Gewalt in Paris konfrontiert wird, wiegelt er ab. Das sei nun mal Frankreich, da tickten die Uhren anders: „Antisemitismus ist in Frankreich etwas salonfähiger als bei uns. Auch aufgrund antisemitischer Traditionen, die es in Frankreich seit dem 19. Jahrhundert gibt, und die nicht wie in Deutschland durch die Erfahrung des Holocaust und das folgende Schuld- und Schamgefühl gebrochen sind.“ Benz tut so, als ob der aktuelle Antisemitismus in Frankreich eine Folge der Dreyfus-Affäre sei, um bloß nicht vom Antisemitismus der Linken, der Liberalen (also der Dreyfusards) und vor allem der Muslime sprechen zu müssen. Denn die seien keine Antisemiten, sondern „sympathisieren mit den unterdrückten Palästinensern“. „Das ist in erster Linie eine Israelfeindschaft“, meint Benz, und unterscheidet sie strikt von „allgemeiner Judenfeindschaft.“ Und wenn es sich dann doch nicht leugnen lässt, dass der Antisemitismus unter Muslimen auch in Deutschland grassiert – der Interviewer weist auf den Berliner Imam hin, der letzte Woche in der al-Nur-Moschee in Berlin-Neukölln zur Ermordung aller Juden aufgerufen hatte –, dann ist sich Benz sicher: „Wenn der Imam das so gepredigt hat, würde ich ihn als einen verwirrten Fanatiker bezeichnen, der jetzt wahrscheinlich große Probleme mit seiner Gemeinde hat. Er wäre jedenfalls nicht typisch für die deutschen Muslime. Zum Alltag gehört eher, dass junge Muslime und Juden aufeinander zugehen: In Berlin-Neukölln, in Duisburg, an anderen Orten.“

Da bleibt eigentlich nur die Frage: Ist das Verblendung oder Vorsatz?

Ich lass’ mir das Mitmachen nicht vermiesen

Münchens Israel-Soli-Szene wehrt sich gegen Kritik

Nicht, dass wir von den Nachwuchspolitikern der örtlichen Deutsch-Israelischen Gesellschaft viel erwartet hätten. Dass sie aber, anstatt auf unsere Kritik zu antworten, unserem Internetprovider per Online-Formular allen Ernstes einen Urheberrechtsverstoß anzeigten, weil wir ihr lächerliches Logo zur Bebilderung ihrer noch lächerlicheren Politik verwendet hatten, ist schon ein besonderes Armutszeugnis. Wie dem auch sei: Wir tauschten die Israelfahne durch die ohnehin viel passendere Deutschlandfahne aus und hoffen, den sogenannten „Vorstand“ dieser autoritären Vereinsmeier damit zufrieden gestellt zu haben. Erwähnt sei der Vorfall in erster Linie zur Erheiterung des Publikums.

Mehr zu sagen gibt es zu einer anderen Reaktion auf unseren Text:

Dass die Gruppe Kir Royal Leuten, die sich für Israel und gegen den Antisemitismus einsetzen, grundsätzlich mit Sympathie gegenübersteht, versteht sich von selbst. Ebenso evident sollte aber sein, dass Vorsicht geboten ist, wenn Personen, die antizionistischen Parteien wie den Grünen oder der Linken angehören, plötzlich gegen Israelhass demonstrieren, solange dieser außerhalb ihrer eigenen Parteizentrale auftritt. Wenn dem Blogger Schlamassel, der sich jetzt zu unserer Kritik geäußert hat, nicht aufgehen mag, dass die Grüne Jugend besser gegen die Israel-Boykott-Politik ihrer eigenen Partei demonstrierte und die Münchner Linksjugend, wenn sie es denn mit Israel hielte, schleunigst aus der Partei austreten müsste, dann ist das nur dadurch zu erklären, dass er sich die Pro-Israel-Bewegung, die schon jetzt eine Farce ist, nicht durch kritische Einwände verderben lassen will. „Mitmachen“ ist der Imperativ, den er an seine imaginierten Schäfchen ausgibt, Kritik spiele schließlich – so der suggestive Unterton seines Kommentars – dem Gegner in die Hände. Auf solche Politspielchen der schlechtesten linken Tradition haben wir keine Lust. Wenn etwas faul ist, setzt man sich keine Nasenklammer auf, sondern bringt den Müll runter.

Schlamassel witzelt in pseudo-hegelianischem Jargon, unsere Anmerkungen seien „in sich durchaus richtig, aber an sich falsch“, bringt aber nicht ein einziges Argument dafür, warum sie „an sich“, also objektiv falsch seien.* Stattdessen legt er in einem neuen Text unter dem programmatischen Titel Antisemitismus – hauptsächlich eine rechte Disziplin sein eigenes Verständnis von Antisemitismuskritik vor: Unter Verweis auf Zahlenmaterial des Innenministeriums ‚beweist‘ Schlamassel, „dass sich die Hauptfeinde der Jüdinnen und Juden in Deutschland als rechtsstehend verstehen“. Auch wenn man die Blödsinnigkeit, an dieser Stelle von „Jüdinnen und Juden“ statt einfach von „Juden“ zu sprechen, beiseite lässt, ist doch die Aussage, der Hauptfeind sei die Rechte, bemerkenswert ignorant. Schlamassel könnte wissen, dass heutzutage Juden in Deutschland und auf der ganzen Welt in erster Linie von Muslimen auf offener Straße beleidigt und körperlich angegriffen werden. Doch den islamischen Antisemitismus möchte er lieber nicht thematisieren, schließlich könnte er gar am Ende einmal dasselbe sagen wie seine eigenen „Hauptfeinde“, die politisch vollkommen irrelevante rechte Partei „Die Freiheit“ und das ihr nahestehende Internetportal „Politically Incorrect“. Zwar ist es richtig, dass sich bei diesen Rechten Denunziationen islamischer Übelstände regelmäßig mit Sozialchauvinismus und Ausländerfeindlichkeit verbinden, weshalb es richtig ist, zu ihnen auf Abstand zu gehen. Das bedeutet aber nicht, dass ihre Warnungen etwa vor der Gründung des „Zentrums für Islam in Europa“ deshalb automatisch falsch wären. Wenn Schlamassel diese Warnungen lapidar mit dem Hinweis abtut, in Israel stünden solche Moscheen „an jeder Ecke“, dann tritt das Bedürfnis zutage, mit all den Prantls und Udes gegen rechte Volksfeinde und für mehr Islam aufzustehen. Dass Benjamin Idriz der politische Ziehsohn des Muslimbruders Ibrahim el-Zayat ist, also eines Funktionärs derjenigen Organisation, die im Gazastreifen Hamas heißt, wird einfach ignoriert, weil es nicht ins eigene Weltbild passt.

Denn dieses Weltbild ist ja nicht nur staatsbürgerlich, multikulturell und progressiv, sondern auch antirassistisch im schlechtesten Sinne – und das bedeutet, dass alle Nichtdeutschen irgendwie auf der richtigen Seite kämpften. Das würde Schlamassel natürlich nie so schreiben; aber die Tatsache, dass sich sein Blog „zur Dokumentation des wiedererstarkenden Antisemitismus in und um München“, von einigen Nebensätzen abgesehen,  nie zu islamischer Judenfeindschaft in Deutschland äußert, spricht ebenso Bände wie sein kritikloses Engagement für den lebensgefährlichen Hungerstreik von Asylsuchenden am Rindermarkt, den deutsche Antirassisten ideologisch ausgeschlachtet haben, um endlich einmal Märtyrer für die Bewegung zu produzieren. Wer die Bereitschaft zur Selbsttötung allen Ernstes zu einem Akt subjektiven Widerstands aufbläst und zu allem Überdruss auch noch die Tickets der Authentizität und Selbstermächtigung bedient, der kann eigentlich nur noch traurig darüber sein, dass der Staat von seinem Recht, über Leben und Tod zu entscheiden, in diesem Fall derart Gebrauch gemacht hat, dass er das Überleben der Flüchtlinge sicherstellte. Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Ausfall an Reflexion und der Faszination für eine Gruppe von Asylsuchenden, die dazu gebracht werden sollte, sich zu Tode zu hungern: Die eigene Ohnmacht wird nicht bewusst gemacht, sondern auf jene projiziert, denen die Schwäche ins Gesicht geschrieben steht. Dem korrespondiert der Wunsch, Massenbewegungen zu gründen und Teil einer großen Gemeinschaft zu sein. Damit wird das Mitmachen, um das in dieser Gesellschaft sowieso niemand herumkommt, ideologisch überhöht und politisch legitimiert. Wir halten es da lieber mit einem kommunistischen Flüchtling, der 1944 in Pacific Palisades folgendes notierte: „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“

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* Weil sich Schlamassel vor lauter Verdrängungseifer nicht anders gegen unser Argument zu helfen weiß, als dass er Nebensätze herausgreift und diese ihrer scheinbaren Unwahrheit überführt, sei noch angemerkt:

1. Wir warfen den Aufrufenden in unserer Kritik vor, „nicht etwa gegen das ‚Eine-Welt-Haus‘ direkt demonstriert“ zu haben, „sondern vielmehr ausgerechnet dessen Vorstand“ aufgefordert zu haben, „gegen die Dämonisierung Israels einzuschreiten“. Wenn Schlamassel zu diesem Vorwurf nun schreibt, die Behauptung, man habe nicht direkt gegen das EWH demonstriert, sei „frei erfunden“ und dazu auf einen Text verweist, in dem es heißt: „Seit Jahren wird das Eine-Welt-Haus für Kampagnen gegen Israel und den Zionismus missbraucht“ (Hervorh. – GKR), dann zeigt sich daran nichts außer Schlamassels Unredlichkeit. Auch auf die Briefe, die gutmeinend an den Vorstand des EWH geschrieben wurden, geht Schlamassel nicht ein.

2. Desweiteren haben wir moniert, die Deutsch-Israelische Gesellschaft und Schlamassel richteten sich gegen „Einseitigkeit“ in Fragen des Nahostkonfliktes. Schlamassel schreibt nun, er habe nie das Wort Einseitigkeit benutzt. Mag sein. Das Bündnis aber, als deren Sprachrohr sich Schlamassel offenbar versteht, tritt laut seinem eigenen Bericht für eine ausgeglichenere Schuldzuweisung ein: „Ein Sprecher des Bündnisses kündigte an, die Proteste gegen die einseitige Darstellung Israels im Eine-Welt-Haus in den nächsten Wochen und Monaten zu verstärken.“

Gut gemeint ist auch daneben

Anmerkungen zum Protest gegen das „Eine-Welt-Haus“

Das Münchner „Eine-Welt-Haus“ ist seit Jahren ein Hort antiisraelischer Propaganda und Hetze. Jeder, der in der antizionistischen Szene etwas auf sich hält, und überhaupt jeder, der immer schon mal was über die Juden und ihren Staat zum Besten geben wollte, ist hier herzlich willkommen. Ungeschminkt antisemitische Ausfälle – sei es von den Referenten, sei es aus dem Publikum – werden hier großzügig toleriert, denn insgeheim weiß jeder, dass die Schmähung Israels auf die Juden abzielt.

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Deutsche Israelsolidarität

Umso erfreulicher also, könnte man meinen, dass sich nun mehrere Vereine und Gruppierungen zusammengetan haben, um gegen das „Eine-Welt-Haus“ und die Vergabe städtischer Mittel an dieses zu protestieren. Betrachtet man die Angelegenheit freilich genauer, so zeigt sich ein ganz anderes Bild: Angehende Nachwuchspolitiker haben die hiesige Israelsolidarität für sich entdeckt, um damit ihre Eignung für den Staatsapparat unter Beweis zu stellen. Vielleicht wissen es die Beteiligten selbst nicht einmal, aber die auf Vermittlung schielende Art des Taktierens, die sie in ihrer Kampagne an den Tag legen, zeigt schon an, dass es ihnen nicht um die Sache selbst geht, sondern ums Politikmachen, ums Engagiertsein. Das geht schon damit los, dass das Bündnis nicht etwa gegen das „Eine-Welt-Haus“ direkt demonstriert, sondern vielmehr ausgerechnet dessen Vorstand, der für den Charakter des Hauses in den letzten Jahren verantwortlich war, auffordert, gegen die Dämonisierung Israels einzuschreiten. Nachdem man sich in mehreren Briefen an diesen Vorstand gewandt hat und dieser, wie zu erwarten war, nicht reagiert hat – wieso auch? –, hat das Bündnis nun den nächsten Schritt unternommen, indem es einen „Offenen Brief“ veröffentlichte. Dieser Brief soll vermutlich den Druck auf das „Eine-Welt-Haus“ erhöhen und zugleich die Parteien im Stadtrat dazu anhalten, endlich aktiv zu werden und dem Haus den Geldhahn zuzudrehen.

Worüber sich das Bündnis allerdings bei all diesen Ausgebufftheiten keine Gedanken gemacht hat, weil es ihm gar nicht um eine Kritik des bundesdeutschen Antizionismus geht, ist, dass es Gründe gibt, warum eine Institution wie das „Eine-Welt-Haus“ ungestört und städtisch gefördert jahrelang Anti-Israel-Propaganda betreiben kann. Und diese Gründe sind schnell benannt: Offenbar ist der Antizionismus, entgegen den Bekundungen der Kanzlerin, in Deutschland nahezu konsensual. „Israelkritik“ ist ein Volkssport, dem sich nicht nur die Stammtische, Leserbriefschreiber und Kulturschaffenden mit großem Eifer verschreiben, sondern auch die Mehrheit der deutschen Politikerklasse. Als Israels Armee das Djihad-Schiff „Mavi Marmara“ stürmte und dabei bewaffnete türkische Kämpfer tötete, verabschiedeten alle Parteien des deutschen Bundestages mit Ausnahme der Linkspartei, deren Märtyrergesandte direkt auf dem Schiff mitgesegelt waren, eine Resolution, in der Israel vorgehalten wurde, „den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit verletzt“ zu haben. Unterschrieben haben dieses Papier für ihre jeweilige Fraktion Volker Kauder (CDU), Hans-Peter Friedrich (CSU), Frank-Walter Steinmeier (SPD), Birgit Homburger (FDP), Renate Künast und Jürgen Trittin (Die Grünen).

Der Mavi Marmara-Fall ist symptomatisch und insofern keineswegs ein vereinzelter Lapsus. Wenn das Münchner Bündnis sich jetzt auf das „Eine-Welt-Haus“ einschießt anstatt den Antizionismus als Ganzes ins Visier zu nehmen – und das würde auch bedeuten: die Mehrheit der deutschen Bevölkerung einschließlich ihrer politischen Repräsentanten –, dann ist das eine gewaltige Verdrängungsleistung.  Wenn allen Ernstes die Jugendorganisation der Linkspartei, Solid, gegen das „Eine-Welt-Haus“ protestiert, dann sollte man sich als Freund Israels doch fragen, was die Protestierenden mit ihrem Engagement bezwecken. Anstatt die israelfeindlichen Ü-60-Partys ins Visier zu nehmen, wäre es weitaus sinnvoller, vor die Parteizentrale der Linken zu ziehen. Mehr Schaden für Israel als Hassveranstaltungen im „Eine-Welt-Haus“, die sich ohnehin nur die üblichen Verdächtigen anhören, richtet jedenfalls die Politik der Linkspartei an, die immer bestrebt ist, Israel für alles zu schelten, was es zur Verteidigung seiner Bürger unternimmt. Dasselbe gilt für die Grüne Jugend, die ebenfalls Teil des Bündnisses ist: Auch sie lenkt mit ihrer Aktion gegen das „Eine-Welt-Haus“ davon ab, dass es ihre eigene Partei ist, die gerade dabei ist, eine dürftig als „Verbraucherinformation“ getarnte  „Kauft nicht beim Juden“-Politik hinsichtlich israelischer Waren aus dem Westjordanland durchzusetzen.

Noch schlimmer aber als die Feigenblätter der Grünen und der Linkspartei sind jene Israel-Aktivisten, die solchen Leuten immer wieder die Gelegenheit geben, sich in Szene zu setzen. Um keine Peinlichkeit verlegen und nur darauf aus, aktivistisch eine proisraelische Bewegung zu gründen, obwohl das in Deutschland bekanntlich unmöglich ist, schreiben Netzwerker wie ein in München weltbekannter israelsolidarischer Blogger oder die hochnotpeinliche Deutsch-Israelische Gesellschaft ungeniert Bündnisse von „Münchnerinnen und Münchnern gegen Antisemitismus“ herbei und mahnen, es dürfe in Punkto Israel keine „Einseitigkeit“ geben, obwohl doch gerade das bitter nötig wäre. Sie arbeiten mit Gruppierungen zusammen, deren Vertreter, wie hier etwa Jamila Schäfer, Sprecherin der Grünen Jugend München, so was von sich geben: „Als linker Jugendverband kritisieren auch wir die Politik der israelischen Regierung in vielen Punkten. Diese Kritik sollte aber solidarisch bleiben und keinen Antisemitismus beinhalten.“ Wer so was schreibt, der ist erklärtermaßen kein Parteigänger Israels, sondern will den jüdischen Staat politisch korrekt zerlegen.

Wer es Ernst meint mit der Israel-Solidarität, verweigert sich diesem zutiefst deutschen Polit-Brimborium und betreibt Kritik nicht nur an der „Form Politik“ (Agnoli) als solcher, sondern auch am postnazistischen Konsens. Solche Kritik schafft es wahrscheinlich nicht in die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung – die übrigens ein sehr viel lohnenswerteres Objekt einer proisraelischen Demonstration in München wäre –, und auch im Stadtrat bekäme man dafür kein Schulterklopfen, aber man verführe wenigstens nicht taktisch mit der Wahrheit. Israelsolidarität, die auf einer Mischung aus Karrierismus, antiisraelischem Affekt und schlechtem Gewissen aufgebaut ist, ist jedenfalls das Papier nicht wert, auf dem sie ihre „Offenen Briefe“ druckt.

Gruppe Kir Royal | [Critica da Monaco]
München, den 25. Juli 2013
ideologiekritik.org

Bist Du Anti-Islamist, oder was?

Kommentar zum Antizionismus auf dem „Filmfest München“

Das „Filmfest München“ ist das zweitgrößte Filmfestival in Deutschland und lockt angesichts der dargebotenen Vielfalt glücklicherweise nicht nur Cineasten an. Aber das Festival ist, wie sollte es auch anders sein, nicht nur für das zahlende Publikum konzipiert, sondern auch auf das „networking“ der Filmszene ausgerichtet. In einem angegliederten Diskussions- und Informationsprogramm wird gebaggert und gebuhlt, was das Zeug hält. Kein Wunder, schließlich ist der Staat mit seinen zahlreichen institutionellen Verästelungen und Vorfeldorganisationen der Hauptfinanzier nicht nur des Festivals, sondern der deutschen Filmszene insgesamt. Und wo der Staat in absolutistischer Manier Gelder für „Kulturschaffende“ vergibt, da sind die Ideologieproduzenten nicht weit.

filmfestBesonders wird das wieder einmal am Engagement der Kreativen gegen den jüdischen Staat deutlich. Unter dem Vorsitz des „Cineasten und Pfarrers“ (BR) Eckart Bruchner wählte eine international besetzte Jury ausgerechnet den deutsch-französisch-belgischen Film Das Schwein von Gaza für den One-Future-Preis 2013 aus. Der Film setze sich in „ethisch und filmästhetisch überzeugender Weise“ mit dem Gedanken einer „unteilbaren Zukunft“ auseinander. Tatsächlich sucht der Film Das Schwein von Gaza das Publikum in seinem Hass auf Israel zu einen. Israel erscheint in dem Film als brutale und arrogante Besatzungsmacht. Da, wo der antisemitische Terror der Hamas überhaupt thematisiert wird, wird er konsequent mit der Verteidigungspolitik Israels gleichgesetzt. Weil Unterscheidung nicht die Sache von Kulturschaffenden ist, die an der „einzigen unteilbaren Welt“ interessiert sind, fungiert in dem Film ausgerechnet ein Schwein als Symbol globaler Identität: „Was die beiden verschiedenen Lager dieses Films [Juden und Muslime] vereint“, erläuterte der Regisseur Sylvain Estibal, „ist einzig und allein, dass sie das Schwein verabscheuen. So wird das Schwein zum Botschafter, Grenzgänger – zur Verbindung zwischen den beiden Lagern. Aus diesem kleinsten gemeinsamen Nenner entsteht Verständnis, das zu einer Annäherung führt. In gewisser Hinsicht könnte man sagen: Das Hängebauchschwein ist meine Friedenstaube!“ Dass die Hamas, die mit absoluter Mehrheit von den Palästinensern gewählt wurde, Juden gerne wie Schweine abschlachten würde, dass ihre Propagandaabteilung tagtäglich die Juden als „von Affen und Schweinen abstammend“ darstellt, kommt in Estibals Friedensbotschaft nicht vor. Stattdessen hält er sich an das uralte europäische, jüngst von der FPÖ wiederverwertete Motto: „Isst Du Schwein, darfst Du rein!“ Fundamentalisten seien sie beide, Juden wie Muslime. Dass bei derlei Gleichsetzungen die grundlegende Differenz – der palästinensische Krieg gegen die Juden auf der einen, die israelische Selbstverteidigung auf der anderen Seite – untergeht, ist kein Zufall, sondern Absicht.

Dies zeigt sich bei einer Veranstaltung, die im Rahmen des Filmfests im Rio Filmpalast ausgerichtet wird. Unter dem selten dämlichen Titel „Anti-Semitismus/Anti-Islamismus heute?“ soll, begleitet von eingestreuten Filmchen, über den sogenannten Nahostkonflikt parliert werden. Wie die Veranstalter ticken, zeigt sich bereits daran, dass sie die im 19. Jahrhundert vom Rassenwahn erfundene Konstruktion des „Semitismus“ – womit immer eine Weltverschwörung der Juden gemeint war – sprachlich der sehr realen faschistischen Bewegung des „Islamismus“ durch ein slash gleichstellen. Dass poststrukturalistisch geschulte Kreative das uneindeutige Zeichen dem klaren Begriff vorziehen, weil sie nicht auf Erkenntnis, sondern auf Gesinnungsproduktion aus sind, ist das eine; das andere, viel schlimmere, ist, dass sie durch diesen Taschenspielertrick den Kampf gegen den islamischen Faschismus („Islamismus“) zu diskreditieren trachten. Wer „Anti-Islamist“ ist, sei schon ein halber Nazi, tönt es unüberhörbar aus dem Subtext.

Und so ist im weiteren Text auch kein Wort über den Antisemitismus zu hören, sondern nur ein allgemeines Palaver über angeblich in Deutschland grassierende „Angst vor Überfremdung“ und „Fremdenfeindlichkeit nicht nur gegenüber Asylsuchenden, sondern auch gegenüber längst eingebürgerten Mitmenschen aus anderen Kulturen und Religionen“. Es ist freundlich von den Organisatoren, zu betonen, dass auch muslimische Deutsch-Türken Menschen sind, aber mit einer Kritik des Antisemitismus, der bekanntlich alles andere als eine Form der Fremdenfeindlichkeit ist, hat das nichts zu tun. Die Abgrenzung vom Antisemitismus, der als Chiffre für den Holocaust stehen soll, dient nur dazu, mit um so besserem Gewissen gegen Israel vom Leder ziehen zu dürfen. Nicht der nach der Atombombe strebende Iran, nicht die auch in Deutschland aktive Hisbollah, nicht die Hamas und auch nicht die Fatah stellt für die Organisatoren das Problem dar, sondern „Debatten um den Nahostkonflikt, Islamismus und den weltweiten Terrorismus“, welche die „Stimmung“ anheizten. Wer so schreibt, glaubt an die Existenz israelisch-zionistischer Lobbys, welche die Politik beherrschten und ausgeschaltet gehörten. Dass die vermeintlichen Drahtzieher des gesellschaftlichen Unheils, die eine „einzige unteilbare Zukunft“ verhinderten, die Charakterzüge der antisemitischen Figur des Juden tragen, zeigt dann einleitend auch der indische Film „Reluctant Fundamentalist“, der als Metakommentar zur „Anti-Semitismus/Anti-Islamismus“-Veranstaltung begriffen werden muss: „ein Film über Broker aus der internationalen Finanzwelt“.

Zum Abschluss erwartet dann den Besucher ein moralinsaures Stelldichein mit den „Medienpädagogen“ Stefanie Landgraf und Johannes Gulde, die einen Dokumentarfilm namens Liebe Grüße aus Nahost gedreht haben, in dem deutsche Jugendliche Israelis die sowohl kontrafaktische als auch grundideologische Phrase von „der Spirale von Gewalt und Gegengewalt“ auftischen, um ihnen das Recht auf Selbstverteidigung abzusprechen.

Man kann von Kulturschaffenden nicht erwarten, dass sie etwas Schlaues sagen – daran hindert sie schon ihre selbstgewählte Profession. Dass sie aber zu bestimmten Themen einfach mal den Schnabel halten, das ist nun wirklich nicht zu viel verlangt. In diesem Sinne fordern wir ein Schweigegelübde aller europäischen Filmschaffenden, „Pfarrer und Cineasten“ zum Thema Israel!

Gruppe Kir Royal | [Critica da Monaco]
München, den 2. Juli 2013
ideologiekritik.org