Der Benz unter den Experten

Auf den Straßen tobt offener Judenhass – und der ehemalige Leiter des „Zentrums für Antisemitismusforschung“ gibt Entwarnung

Als noch nicht sicher war, ob die im Westjordanland entführten jüdischen Jugendlichen noch am Leben sind, versammelten sich in mehreren deutschen Städten – auch in München – Menschen zu kleinen Solidaritätskundgebungen, die das Auge der Öffentlichkeit auf das Leid der Jugendlichen und ihrer Familien lenken wollten. Für einige Judenfeinde war selbst das zu viel an „Israelsolidarität“: Am 20. Juni wurde in Hamburg ein 83-jähriger Demonstrant von einem linken Palästinafreund angegriffen und musste danach ins Krankenhaus gebracht werden. Auch die Tochter des Verletzten, die diesem zu Hilfe eilte, wurde attackiert. Dies war der Auftakt, der freilich in einer langen Reihe offener antisemitischer Gewalt und Propaganda in den letzten Jahren steht.

Mit Beginn der israelischen Militäroperation „Protective Edge“, welche auf die Zerstörung der Raketenabschussanlagen und Waffenschmuggeltunnel der Hamas im Gazastreifen zielt, hat eine Flut antisemitischer Aufmärsche, Hetze und Straftaten begonnen, die im Folgenden nur ausschnittsweise dokumentiert sei. Fast allen Vorkommnissen ist gemein, dass die Polizei Juden und Israelfreunde nicht schützen konnte oder wollte; häufig wurden gerade diejenigen, die gegen Antisemitismus demonstrierten, des Platzes verwiesen, während der arabisch-türkisch-deutsche Mob seinem Hass freien Lauf lassen durfte.

Am 12. Juli marschierten Linke, Islamisten und Neonazis in Frankfurt einträchtig nebeneinander. Dabei skandierten sie immer wieder die zum Schlachtruf der Bewegung avancierte Parole „Kindermörder Israel“, die eine aktualisierte Variante der mittelalterlichen Ritualmordlegende darstellt und einige Tage später in Berlin auch folgerichtig von einer Fotomontage untermalt wurde, die den israelischen Ministerpräsidenten beim Verspeisen eines palästinensischen Kindes zeigt (wozu der kleinen Waffen-SZ, der Stuttgarter Zeitung, als Bildunterschrift nur einfällt, dass Netanjahu „im Zentrum der Kritik“ stehe). Ein Schild mit der Aufschrift „Ihr Juden seid Bestien!“ war zu sehen. Demonstranten griffen die Polizei mit Steinen an, woraufhin diese der Demonstration ein Polizeiauto samt Lautsprecheranlage zur weiteren Verkündung ihrer Hetze zur Verfügung stellte – laut Polizeisprecher, um die Situation zu deeskalieren. Am selben Tag demonstrierten in verschiedenen Städten Anhänger des palästinensischen Volkstumskampfes und trugen dabei – etwa auf der „Friedensdemonstration“ (so das Original aus der Hauptstadt der Bewegung) in München – u.a. Flaggen von Hamas, ISIS und Grauen Wölfen. In Gelsenkirchen riefen Teilnehmer der Demonstration „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“ und „Allahu Akbar!“.sz

Einen Tag später, am 13. Juli, wurde in Bremen ein Mann aus der Demonstration heraus als „Scheiß Jude“ beschimpft, ein Journalist der Taz tätlich angegriffen. Ein Passant, der seine Ablehnung des Demonstrationsanliegens zum Ausdruck gebracht hatte, wurde mit der Faust ins Gesicht geschlagen und musste von einem Notarzt auf die Intensivstation gebracht werden.

Am 17. Juli skandierten Dutzende Demonstranten in Berlin „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!“; am 18. Juli kam es in Leipzig erneut zu „Scheiß Juden“-Rufen auf einer Demonstration. In Essen wurden auf einer vom Jugendverband der Linkspartei organisierten Demonstration Schilder mit Aufschriften wie „Früher angeblich Opfer – heute Täter“ sowie Davidsterne mit Hakenkreuzen gezeigt. Es erschallen Rufe wie „Scheiß Jude, brenn“ und eine proisraelische Gegendemo wurde mit Flaschen und Steinen beworfen. Ein Teilnehmer der Gegendemonstration wurde nach Auflösung der Veranstaltung verprügelt. Es wurden Verfahren wegen des Zeigens des Hitlergrußes eingeleitet.

Am 19. Juli wurde in Berlin ein zufällig die Demonstration passierendes israelisches Ehepaar angepöbelt, da der Mann durch seine Kippa als Jude zu erkennen war. Die Täter schrien „Scheiß Juden, wir kriegen euch!“ und „Wir bringen euch um!“. Zeitgleich fielen in Nürnberg hunderte Antisemiten in Fastfood-Restaurants im Hauptbahnhof ein – in dem Glauben, es handele sich um „jüdische“ Geschäfte. In Göttingen wurden aus einer Palästina-Demo heraus mehrere proisraelische Gegendemonstranten, begleitet von „Judenschweine“-Rufen, angegriffen und verletzt.

Am 20. Juli wurden in Hannover durchgestrichene Davidsterne präsentiert und antisemitische Parolen gegrölt, abermals proisraelische Demonstranten mit Tritten und Schlägen traktiert. Und auch kurz hinter der Grenze, im österreichischen Bregenz wurden aus einer Demonstration heraus Israelfreunde (laut Demonstrationsteilnehmern: „die Juden“) angegriffen, denen die Polizei nach kürzester Zeit nur zur Flucht riet. Ähnlich verliefen an diesem Wochenende Gegenkundgebungen in Innsbruck und Wien.

Am 24. Juli stürmten bei einem Fußballspiel zwischen Maccabi Haifa und dem OSC Lille im Salzburger Bischofshofen etwa 20 Männer den Platz und griffen die israelischen Spieler mit Tritten und Schlägen an.

Soweit zur derzeitigen Situation, wobei die alltäglichen Vorkomnisse – Drohbriefe an Mitglieder der jüdischen Gemeinde, Ausfälle in jüdischen Museen, antisemitische Sprüche auf den Schulhöfen und Hetzartikel in der SZ – noch nicht einmal eingerechnet sind. Was aber sagt nun Deutschlands oberster Antisemitismus-Experte dazu? Ein Mann, der es schon in der Vergangenheit fertig brachte, die antisemitische Motivation des Attentäters von Toulouse infrage zu stellen? In der Zeit vom 22. Juli 2014 gab Prof. Dr. em. Wolfgang Benz, ehemaliger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin, ein Interview, das endgültig seinen ideologischen Versuch offenbart, jeden Antisemitismus zu bagatellisieren, der nicht von Neonazis mit Hitlerbärtchen und Hakenkreuzbinde geäußert wird.

benzDem Hinweis des Zentralrates der Juden in Deutschland, dass es eine „schockierende Explosion des Antisemitismus“ in Deutschland gibt, begegnet der Experte mit der lapidaren Antwort: „Kritik an der Politik Israels ist nicht gleich Antisemitismus. Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen: Antisemitismus ist hierzulande seit Jahrzehnten eine ziemlich konstante Größe. Nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung hegen so starke Ressentiments, dass man sie als Antisemiten bezeichnen kann.“ Indem Benz Vorfälle wie die oben beschriebenen unter das Stichwort „Kritik an der Politik Israels“ rubriziert, leugnet er nicht nur deren explizit antijüdischen Charakter, sondern tut auch so, als lasse sich das deutsch-islamische Gerede über Israel von Antisemitismus unterscheiden. Die willkürlich erscheinende Nennung der Zahl von 5% Antisemiten weicht extrem von der sonst in Umfragen üblichen Feststellung von 15-20% Personen mit antisemitischen Einstellungen ab und zeigt, dass Benz die Bedeutung der Tarnung, der Latenz und der Verschiebung in der postnazistischen Demokratie überhaupt nicht begriffen hat.

Angesichts der Tatsache, dass der Mann sich in den letzten Jahren zum Fürsprecher der angeblich so gehassten Muslime aufgeschwungen hat, ist erstaunlich, dass er diese konsequent aus der deutschen Gesellschaft ausschließt. Das Problem des Antisemitismus in Deutschland wird so gewissermaßen ausgelagert: „Wichtig ist jetzt, zu klären, wer das gerufen hat. Das waren offenbar junge Muslime oder Menschen mit Migrationsgrund. Das entschuldigt nichts, es ist auch nicht schlimmer oder weniger schlimm. Aber es ist wichtig für die Unterscheidung. Denn offenbar ist dies nicht der den Deutschen angeblich angeborene Antisemitismus, der immer wieder aufflackert.“ Zwar spielt der Hintergrund der Täter durchaus eine Rolle, wenn es darum geht, ihm aktiv entgegenzuwirken (was Benz allerdings selbst hintertreibt, wenn er die Kritik des Islam als „Islamophobie“ verunglimpft). Das ändert aber nichts daran, dass der islamische Antisemitismus „ein Teil von Deutschland“ (Christian Wulff) ist. Er kann gedeihen und sich austoben, weil es ein stilles Einverständnis der Mehrheit der autochthonen Deutschen gibt, das sich etwa in den Kommentaren der SZ, im Agieren von Polizei und Justiz oder in der Zustimmung zu antizionistischen Scharfmachern in Linkspartei und SPD ausdrückt.

Richtig ans Eingemachte geht es aber, wenn Benz sich auf sein Spezialfeld begibt, die psychologische Betrachtung des Antisemitismus: „Ressentiments gegen Juden sind Einstellungen – damit ist bei den meisten keine Gewaltbereitschaft verbunden.“ Nichts als Vorurteile, so wie die der Preußen gegen die Bayern oder der Kölner gegenüber den Düsseldorfern. Eine Geschichte der Gewalt, die in jedem antisemitischen Wort mit transportiert wird? Der Professor hat nie davon gehört. Selbst als er vom Interviewer mit der manifesten Gewalt in Paris konfrontiert wird, wiegelt er ab. Das sei nun mal Frankreich, da tickten die Uhren anders: „Antisemitismus ist in Frankreich etwas salonfähiger als bei uns. Auch aufgrund antisemitischer Traditionen, die es in Frankreich seit dem 19. Jahrhundert gibt, und die nicht wie in Deutschland durch die Erfahrung des Holocaust und das folgende Schuld- und Schamgefühl gebrochen sind.“ Benz tut so, als ob der aktuelle Antisemitismus in Frankreich eine Folge der Dreyfus-Affäre sei, um bloß nicht vom Antisemitismus der Linken, der Liberalen (also der Dreyfusards) und vor allem der Muslime sprechen zu müssen. Denn die seien keine Antisemiten, sondern „sympathisieren mit den unterdrückten Palästinensern“. „Das ist in erster Linie eine Israelfeindschaft“, meint Benz, und unterscheidet sie strikt von „allgemeiner Judenfeindschaft.“ Und wenn es sich dann doch nicht leugnen lässt, dass der Antisemitismus unter Muslimen auch in Deutschland grassiert – der Interviewer weist auf den Berliner Imam hin, der letzte Woche in der al-Nur-Moschee in Berlin-Neukölln zur Ermordung aller Juden aufgerufen hatte –, dann ist sich Benz sicher: „Wenn der Imam das so gepredigt hat, würde ich ihn als einen verwirrten Fanatiker bezeichnen, der jetzt wahrscheinlich große Probleme mit seiner Gemeinde hat. Er wäre jedenfalls nicht typisch für die deutschen Muslime. Zum Alltag gehört eher, dass junge Muslime und Juden aufeinander zugehen: In Berlin-Neukölln, in Duisburg, an anderen Orten.“

Da bleibt eigentlich nur die Frage: Ist das Verblendung oder Vorsatz?

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Ich lass’ mir das Mitmachen nicht vermiesen

Münchens Israel-Soli-Szene wehrt sich gegen Kritik

Nicht, dass wir von den Nachwuchspolitikern der örtlichen Deutsch-Israelischen Gesellschaft viel erwartet hätten. Dass sie aber, anstatt auf unsere Kritik zu antworten, unserem Internetprovider per Online-Formular allen Ernstes einen Urheberrechtsverstoß anzeigten, weil wir ihr lächerliches Logo zur Bebilderung ihrer noch lächerlicheren Politik verwendet hatten, ist schon ein besonderes Armutszeugnis. Wie dem auch sei: Wir tauschten die Israelfahne durch die ohnehin viel passendere Deutschlandfahne aus und hoffen, den sogenannten „Vorstand“ dieser autoritären Vereinsmeier damit zufrieden gestellt zu haben. Erwähnt sei der Vorfall in erster Linie zur Erheiterung des Publikums.

Mehr zu sagen gibt es zu einer anderen Reaktion auf unseren Text:

Dass die Gruppe Kir Royal Leuten, die sich für Israel und gegen den Antisemitismus einsetzen, grundsätzlich mit Sympathie gegenübersteht, versteht sich von selbst. Ebenso evident sollte aber sein, dass Vorsicht geboten ist, wenn Personen, die antizionistischen Parteien wie den Grünen oder der Linken angehören, plötzlich gegen Israelhass demonstrieren, solange dieser außerhalb ihrer eigenen Parteizentrale auftritt. Wenn dem Blogger Schlamassel, der sich jetzt zu unserer Kritik geäußert hat, nicht aufgehen mag, dass die Grüne Jugend besser gegen die Israel-Boykott-Politik ihrer eigenen Partei demonstrierte und die Münchner Linksjugend, wenn sie es denn mit Israel hielte, schleunigst aus der Partei austreten müsste, dann ist das nur dadurch zu erklären, dass er sich die Pro-Israel-Bewegung, die schon jetzt eine Farce ist, nicht durch kritische Einwände verderben lassen will. „Mitmachen“ ist der Imperativ, den er an seine imaginierten Schäfchen ausgibt, Kritik spiele schließlich – so der suggestive Unterton seines Kommentars – dem Gegner in die Hände. Auf solche Politspielchen der schlechtesten linken Tradition haben wir keine Lust. Wenn etwas faul ist, setzt man sich keine Nasenklammer auf, sondern bringt den Müll runter.

Schlamassel witzelt in pseudo-hegelianischem Jargon, unsere Anmerkungen seien „in sich durchaus richtig, aber an sich falsch“, bringt aber nicht ein einziges Argument dafür, warum sie „an sich“, also objektiv falsch seien.* Stattdessen legt er in einem neuen Text unter dem programmatischen Titel Antisemitismus – hauptsächlich eine rechte Disziplin sein eigenes Verständnis von Antisemitismuskritik vor: Unter Verweis auf Zahlenmaterial des Innenministeriums ‚beweist‘ Schlamassel, „dass sich die Hauptfeinde der Jüdinnen und Juden in Deutschland als rechtsstehend verstehen“. Auch wenn man die Blödsinnigkeit, an dieser Stelle von „Jüdinnen und Juden“ statt einfach von „Juden“ zu sprechen, beiseite lässt, ist doch die Aussage, der Hauptfeind sei die Rechte, bemerkenswert ignorant. Schlamassel könnte wissen, dass heutzutage Juden in Deutschland und auf der ganzen Welt in erster Linie von Muslimen auf offener Straße beleidigt und körperlich angegriffen werden. Doch den islamischen Antisemitismus möchte er lieber nicht thematisieren, schließlich könnte er gar am Ende einmal dasselbe sagen wie seine eigenen „Hauptfeinde“, die politisch vollkommen irrelevante rechte Partei „Die Freiheit“ und das ihr nahestehende Internetportal „Politically Incorrect“. Zwar ist es richtig, dass sich bei diesen Rechten Denunziationen islamischer Übelstände regelmäßig mit Sozialchauvinismus und Ausländerfeindlichkeit verbinden, weshalb es richtig ist, zu ihnen auf Abstand zu gehen. Das bedeutet aber nicht, dass ihre Warnungen etwa vor der Gründung des „Zentrums für Islam in Europa“ deshalb automatisch falsch wären. Wenn Schlamassel diese Warnungen lapidar mit dem Hinweis abtut, in Israel stünden solche Moscheen „an jeder Ecke“, dann tritt das Bedürfnis zutage, mit all den Prantls und Udes gegen rechte Volksfeinde und für mehr Islam aufzustehen. Dass Benjamin Idriz der politische Ziehsohn des Muslimbruders Ibrahim el-Zayat ist, also eines Funktionärs derjenigen Organisation, die im Gazastreifen Hamas heißt, wird einfach ignoriert, weil es nicht ins eigene Weltbild passt.

Denn dieses Weltbild ist ja nicht nur staatsbürgerlich, multikulturell und progressiv, sondern auch antirassistisch im schlechtesten Sinne – und das bedeutet, dass alle Nichtdeutschen irgendwie auf der richtigen Seite kämpften. Das würde Schlamassel natürlich nie so schreiben; aber die Tatsache, dass sich sein Blog „zur Dokumentation des wiedererstarkenden Antisemitismus in und um München“, von einigen Nebensätzen abgesehen,  nie zu islamischer Judenfeindschaft in Deutschland äußert, spricht ebenso Bände wie sein kritikloses Engagement für den lebensgefährlichen Hungerstreik von Asylsuchenden am Rindermarkt, den deutsche Antirassisten ideologisch ausgeschlachtet haben, um endlich einmal Märtyrer für die Bewegung zu produzieren. Wer die Bereitschaft zur Selbsttötung allen Ernstes zu einem Akt subjektiven Widerstands aufbläst und zu allem Überdruss auch noch die Tickets der Authentizität und Selbstermächtigung bedient, der kann eigentlich nur noch traurig darüber sein, dass der Staat von seinem Recht, über Leben und Tod zu entscheiden, in diesem Fall derart Gebrauch gemacht hat, dass er das Überleben der Flüchtlinge sicherstellte. Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Ausfall an Reflexion und der Faszination für eine Gruppe von Asylsuchenden, die dazu gebracht werden sollte, sich zu Tode zu hungern: Die eigene Ohnmacht wird nicht bewusst gemacht, sondern auf jene projiziert, denen die Schwäche ins Gesicht geschrieben steht. Dem korrespondiert der Wunsch, Massenbewegungen zu gründen und Teil einer großen Gemeinschaft zu sein. Damit wird das Mitmachen, um das in dieser Gesellschaft sowieso niemand herumkommt, ideologisch überhöht und politisch legitimiert. Wir halten es da lieber mit einem kommunistischen Flüchtling, der 1944 in Pacific Palisades folgendes notierte: „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“

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* Weil sich Schlamassel vor lauter Verdrängungseifer nicht anders gegen unser Argument zu helfen weiß, als dass er Nebensätze herausgreift und diese ihrer scheinbaren Unwahrheit überführt, sei noch angemerkt:

1. Wir warfen den Aufrufenden in unserer Kritik vor, „nicht etwa gegen das ‚Eine-Welt-Haus‘ direkt demonstriert“ zu haben, „sondern vielmehr ausgerechnet dessen Vorstand“ aufgefordert zu haben, „gegen die Dämonisierung Israels einzuschreiten“. Wenn Schlamassel zu diesem Vorwurf nun schreibt, die Behauptung, man habe nicht direkt gegen das EWH demonstriert, sei „frei erfunden“ und dazu auf einen Text verweist, in dem es heißt: „Seit Jahren wird das Eine-Welt-Haus für Kampagnen gegen Israel und den Zionismus missbraucht“ (Hervorh. – GKR), dann zeigt sich daran nichts außer Schlamassels Unredlichkeit. Auch auf die Briefe, die gutmeinend an den Vorstand des EWH geschrieben wurden, geht Schlamassel nicht ein.

2. Desweiteren haben wir moniert, die Deutsch-Israelische Gesellschaft und Schlamassel richteten sich gegen „Einseitigkeit“ in Fragen des Nahostkonfliktes. Schlamassel schreibt nun, er habe nie das Wort Einseitigkeit benutzt. Mag sein. Das Bündnis aber, als deren Sprachrohr sich Schlamassel offenbar versteht, tritt laut seinem eigenen Bericht für eine ausgeglichenere Schuldzuweisung ein: „Ein Sprecher des Bündnisses kündigte an, die Proteste gegen die einseitige Darstellung Israels im Eine-Welt-Haus in den nächsten Wochen und Monaten zu verstärken.“

Gut gemeint ist auch daneben

Anmerkungen zum Protest gegen das „Eine-Welt-Haus“

Das Münchner „Eine-Welt-Haus“ ist seit Jahren ein Hort antiisraelischer Propaganda und Hetze. Jeder, der in der antizionistischen Szene etwas auf sich hält, und überhaupt jeder, der immer schon mal was über die Juden und ihren Staat zum Besten geben wollte, ist hier herzlich willkommen. Ungeschminkt antisemitische Ausfälle – sei es von den Referenten, sei es aus dem Publikum – werden hier großzügig toleriert, denn insgeheim weiß jeder, dass die Schmähung Israels auf die Juden abzielt.

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Deutsche Israelsolidarität

Umso erfreulicher also, könnte man meinen, dass sich nun mehrere Vereine und Gruppierungen zusammengetan haben, um gegen das „Eine-Welt-Haus“ und die Vergabe städtischer Mittel an dieses zu protestieren. Betrachtet man die Angelegenheit freilich genauer, so zeigt sich ein ganz anderes Bild: Angehende Nachwuchspolitiker haben die hiesige Israelsolidarität für sich entdeckt, um damit ihre Eignung für den Staatsapparat unter Beweis zu stellen. Vielleicht wissen es die Beteiligten selbst nicht einmal, aber die auf Vermittlung schielende Art des Taktierens, die sie in ihrer Kampagne an den Tag legen, zeigt schon an, dass es ihnen nicht um die Sache selbst geht, sondern ums Politikmachen, ums Engagiertsein. Das geht schon damit los, dass das Bündnis nicht etwa gegen das „Eine-Welt-Haus“ direkt demonstriert, sondern vielmehr ausgerechnet dessen Vorstand, der für den Charakter des Hauses in den letzten Jahren verantwortlich war, auffordert, gegen die Dämonisierung Israels einzuschreiten. Nachdem man sich in mehreren Briefen an diesen Vorstand gewandt hat und dieser, wie zu erwarten war, nicht reagiert hat – wieso auch? –, hat das Bündnis nun den nächsten Schritt unternommen, indem es einen „Offenen Brief“ veröffentlichte. Dieser Brief soll vermutlich den Druck auf das „Eine-Welt-Haus“ erhöhen und zugleich die Parteien im Stadtrat dazu anhalten, endlich aktiv zu werden und dem Haus den Geldhahn zuzudrehen.

Worüber sich das Bündnis allerdings bei all diesen Ausgebufftheiten keine Gedanken gemacht hat, weil es ihm gar nicht um eine Kritik des bundesdeutschen Antizionismus geht, ist, dass es Gründe gibt, warum eine Institution wie das „Eine-Welt-Haus“ ungestört und städtisch gefördert jahrelang Anti-Israel-Propaganda betreiben kann. Und diese Gründe sind schnell benannt: Offenbar ist der Antizionismus, entgegen den Bekundungen der Kanzlerin, in Deutschland nahezu konsensual. „Israelkritik“ ist ein Volkssport, dem sich nicht nur die Stammtische, Leserbriefschreiber und Kulturschaffenden mit großem Eifer verschreiben, sondern auch die Mehrheit der deutschen Politikerklasse. Als Israels Armee das Djihad-Schiff „Mavi Marmara“ stürmte und dabei bewaffnete türkische Kämpfer tötete, verabschiedeten alle Parteien des deutschen Bundestages mit Ausnahme der Linkspartei, deren Märtyrergesandte direkt auf dem Schiff mitgesegelt waren, eine Resolution, in der Israel vorgehalten wurde, „den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit verletzt“ zu haben. Unterschrieben haben dieses Papier für ihre jeweilige Fraktion Volker Kauder (CDU), Hans-Peter Friedrich (CSU), Frank-Walter Steinmeier (SPD), Birgit Homburger (FDP), Renate Künast und Jürgen Trittin (Die Grünen).

Der Mavi Marmara-Fall ist symptomatisch und insofern keineswegs ein vereinzelter Lapsus. Wenn das Münchner Bündnis sich jetzt auf das „Eine-Welt-Haus“ einschießt anstatt den Antizionismus als Ganzes ins Visier zu nehmen – und das würde auch bedeuten: die Mehrheit der deutschen Bevölkerung einschließlich ihrer politischen Repräsentanten –, dann ist das eine gewaltige Verdrängungsleistung.  Wenn allen Ernstes die Jugendorganisation der Linkspartei, Solid, gegen das „Eine-Welt-Haus“ protestiert, dann sollte man sich als Freund Israels doch fragen, was die Protestierenden mit ihrem Engagement bezwecken. Anstatt die israelfeindlichen Ü-60-Partys ins Visier zu nehmen, wäre es weitaus sinnvoller, vor die Parteizentrale der Linken zu ziehen. Mehr Schaden für Israel als Hassveranstaltungen im „Eine-Welt-Haus“, die sich ohnehin nur die üblichen Verdächtigen anhören, richtet jedenfalls die Politik der Linkspartei an, die immer bestrebt ist, Israel für alles zu schelten, was es zur Verteidigung seiner Bürger unternimmt. Dasselbe gilt für die Grüne Jugend, die ebenfalls Teil des Bündnisses ist: Auch sie lenkt mit ihrer Aktion gegen das „Eine-Welt-Haus“ davon ab, dass es ihre eigene Partei ist, die gerade dabei ist, eine dürftig als „Verbraucherinformation“ getarnte  „Kauft nicht beim Juden“-Politik hinsichtlich israelischer Waren aus dem Westjordanland durchzusetzen.

Noch schlimmer aber als die Feigenblätter der Grünen und der Linkspartei sind jene Israel-Aktivisten, die solchen Leuten immer wieder die Gelegenheit geben, sich in Szene zu setzen. Um keine Peinlichkeit verlegen und nur darauf aus, aktivistisch eine proisraelische Bewegung zu gründen, obwohl das in Deutschland bekanntlich unmöglich ist, schreiben Netzwerker wie ein in München weltbekannter israelsolidarischer Blogger oder die hochnotpeinliche Deutsch-Israelische Gesellschaft ungeniert Bündnisse von „Münchnerinnen und Münchnern gegen Antisemitismus“ herbei und mahnen, es dürfe in Punkto Israel keine „Einseitigkeit“ geben, obwohl doch gerade das bitter nötig wäre. Sie arbeiten mit Gruppierungen zusammen, deren Vertreter, wie hier etwa Jamila Schäfer, Sprecherin der Grünen Jugend München, so was von sich geben: „Als linker Jugendverband kritisieren auch wir die Politik der israelischen Regierung in vielen Punkten. Diese Kritik sollte aber solidarisch bleiben und keinen Antisemitismus beinhalten.“ Wer so was schreibt, der ist erklärtermaßen kein Parteigänger Israels, sondern will den jüdischen Staat politisch korrekt zerlegen.

Wer es Ernst meint mit der Israel-Solidarität, verweigert sich diesem zutiefst deutschen Polit-Brimborium und betreibt Kritik nicht nur an der „Form Politik“ (Agnoli) als solcher, sondern auch am postnazistischen Konsens. Solche Kritik schafft es wahrscheinlich nicht in die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung – die übrigens ein sehr viel lohnenswerteres Objekt einer proisraelischen Demonstration in München wäre –, und auch im Stadtrat bekäme man dafür kein Schulterklopfen, aber man verführe wenigstens nicht taktisch mit der Wahrheit. Israelsolidarität, die auf einer Mischung aus Karrierismus, antiisraelischem Affekt und schlechtem Gewissen aufgebaut ist, ist jedenfalls das Papier nicht wert, auf dem sie ihre „Offenen Briefe“ druckt.

Gruppe Kir Royal | [Critica da Monaco]
München, den 25. Juli 2013
ideologiekritik.org

Bist Du Anti-Islamist, oder was?

Kommentar zum Antizionismus auf dem „Filmfest München“

Das „Filmfest München“ ist das zweitgrößte Filmfestival in Deutschland und lockt angesichts der dargebotenen Vielfalt glücklicherweise nicht nur Cineasten an. Aber das Festival ist, wie sollte es auch anders sein, nicht nur für das zahlende Publikum konzipiert, sondern auch auf das „networking“ der Filmszene ausgerichtet. In einem angegliederten Diskussions- und Informationsprogramm wird gebaggert und gebuhlt, was das Zeug hält. Kein Wunder, schließlich ist der Staat mit seinen zahlreichen institutionellen Verästelungen und Vorfeldorganisationen der Hauptfinanzier nicht nur des Festivals, sondern der deutschen Filmszene insgesamt. Und wo der Staat in absolutistischer Manier Gelder für „Kulturschaffende“ vergibt, da sind die Ideologieproduzenten nicht weit.

filmfestBesonders wird das wieder einmal am Engagement der Kreativen gegen den jüdischen Staat deutlich. Unter dem Vorsitz des „Cineasten und Pfarrers“ (BR) Eckart Bruchner wählte eine international besetzte Jury ausgerechnet den deutsch-französisch-belgischen Film Das Schwein von Gaza für den One-Future-Preis 2013 aus. Der Film setze sich in „ethisch und filmästhetisch überzeugender Weise“ mit dem Gedanken einer „unteilbaren Zukunft“ auseinander. Tatsächlich sucht der Film Das Schwein von Gaza das Publikum in seinem Hass auf Israel zu einen. Israel erscheint in dem Film als brutale und arrogante Besatzungsmacht. Da, wo der antisemitische Terror der Hamas überhaupt thematisiert wird, wird er konsequent mit der Verteidigungspolitik Israels gleichgesetzt. Weil Unterscheidung nicht die Sache von Kulturschaffenden ist, die an der „einzigen unteilbaren Welt“ interessiert sind, fungiert in dem Film ausgerechnet ein Schwein als Symbol globaler Identität: „Was die beiden verschiedenen Lager dieses Films [Juden und Muslime] vereint“, erläuterte der Regisseur Sylvain Estibal, „ist einzig und allein, dass sie das Schwein verabscheuen. So wird das Schwein zum Botschafter, Grenzgänger – zur Verbindung zwischen den beiden Lagern. Aus diesem kleinsten gemeinsamen Nenner entsteht Verständnis, das zu einer Annäherung führt. In gewisser Hinsicht könnte man sagen: Das Hängebauchschwein ist meine Friedenstaube!“ Dass die Hamas, die mit absoluter Mehrheit von den Palästinensern gewählt wurde, Juden gerne wie Schweine abschlachten würde, dass ihre Propagandaabteilung tagtäglich die Juden als „von Affen und Schweinen abstammend“ darstellt, kommt in Estibals Friedensbotschaft nicht vor. Stattdessen hält er sich an das uralte europäische, jüngst von der FPÖ wiederverwertete Motto: „Isst Du Schwein, darfst Du rein!“ Fundamentalisten seien sie beide, Juden wie Muslime. Dass bei derlei Gleichsetzungen die grundlegende Differenz – der palästinensische Krieg gegen die Juden auf der einen, die israelische Selbstverteidigung auf der anderen Seite – untergeht, ist kein Zufall, sondern Absicht.

Dies zeigt sich bei einer Veranstaltung, die im Rahmen des Filmfests im Rio Filmpalast ausgerichtet wird. Unter dem selten dämlichen Titel „Anti-Semitismus/Anti-Islamismus heute?“ soll, begleitet von eingestreuten Filmchen, über den sogenannten Nahostkonflikt parliert werden. Wie die Veranstalter ticken, zeigt sich bereits daran, dass sie die im 19. Jahrhundert vom Rassenwahn erfundene Konstruktion des „Semitismus“ – womit immer eine Weltverschwörung der Juden gemeint war – sprachlich der sehr realen faschistischen Bewegung des „Islamismus“ durch ein slash gleichstellen. Dass poststrukturalistisch geschulte Kreative das uneindeutige Zeichen dem klaren Begriff vorziehen, weil sie nicht auf Erkenntnis, sondern auf Gesinnungsproduktion aus sind, ist das eine; das andere, viel schlimmere, ist, dass sie durch diesen Taschenspielertrick den Kampf gegen den islamischen Faschismus („Islamismus“) zu diskreditieren trachten. Wer „Anti-Islamist“ ist, sei schon ein halber Nazi, tönt es unüberhörbar aus dem Subtext.

Und so ist im weiteren Text auch kein Wort über den Antisemitismus zu hören, sondern nur ein allgemeines Palaver über angeblich in Deutschland grassierende „Angst vor Überfremdung“ und „Fremdenfeindlichkeit nicht nur gegenüber Asylsuchenden, sondern auch gegenüber längst eingebürgerten Mitmenschen aus anderen Kulturen und Religionen“. Es ist freundlich von den Organisatoren, zu betonen, dass auch muslimische Deutsch-Türken Menschen sind, aber mit einer Kritik des Antisemitismus, der bekanntlich alles andere als eine Form der Fremdenfeindlichkeit ist, hat das nichts zu tun. Die Abgrenzung vom Antisemitismus, der als Chiffre für den Holocaust stehen soll, dient nur dazu, mit um so besserem Gewissen gegen Israel vom Leder ziehen zu dürfen. Nicht der nach der Atombombe strebende Iran, nicht die auch in Deutschland aktive Hisbollah, nicht die Hamas und auch nicht die Fatah stellt für die Organisatoren das Problem dar, sondern „Debatten um den Nahostkonflikt, Islamismus und den weltweiten Terrorismus“, welche die „Stimmung“ anheizten. Wer so schreibt, glaubt an die Existenz israelisch-zionistischer Lobbys, welche die Politik beherrschten und ausgeschaltet gehörten. Dass die vermeintlichen Drahtzieher des gesellschaftlichen Unheils, die eine „einzige unteilbare Zukunft“ verhinderten, die Charakterzüge der antisemitischen Figur des Juden tragen, zeigt dann einleitend auch der indische Film „Reluctant Fundamentalist“, der als Metakommentar zur „Anti-Semitismus/Anti-Islamismus“-Veranstaltung begriffen werden muss: „ein Film über Broker aus der internationalen Finanzwelt“.

Zum Abschluss erwartet dann den Besucher ein moralinsaures Stelldichein mit den „Medienpädagogen“ Stefanie Landgraf und Johannes Gulde, die einen Dokumentarfilm namens Liebe Grüße aus Nahost gedreht haben, in dem deutsche Jugendliche Israelis die sowohl kontrafaktische als auch grundideologische Phrase von „der Spirale von Gewalt und Gegengewalt“ auftischen, um ihnen das Recht auf Selbstverteidigung abzusprechen.

Man kann von Kulturschaffenden nicht erwarten, dass sie etwas Schlaues sagen – daran hindert sie schon ihre selbstgewählte Profession. Dass sie aber zu bestimmten Themen einfach mal den Schnabel halten, das ist nun wirklich nicht zu viel verlangt. In diesem Sinne fordern wir ein Schweigegelübde aller europäischen Filmschaffenden, „Pfarrer und Cineasten“ zum Thema Israel!

Gruppe Kir Royal | [Critica da Monaco]
München, den 2. Juli 2013
ideologiekritik.org

Antiautoritär gegen Israel

Über die Ausstellung „Wem gehört die Stadt?“ im Münchner Stadtmuseum

Unter dem Titel „Wem gehört die Stadt?“ bietet das Münchner Stadtmuseum geneigten Bürgern derzeit die Möglichkeit, zwischen Mao-Bibeln, Protestplakaten und einer Badewanne die Siebzigerjahre nachzuerleben. Vor Ort kann der gelangweilte Besucher dann feststellen, dass sich in linksalternativen Kreisen nicht viel geändert hat – selbst der schon immer unsägliche Sigi Pop sucht bis heute in regelmäßigen Abständen Münchner Bühnen heim – und dass jeder mit einem etwas später gelegenen Geburtsdatum reichlich Glück gehabt hat. Aber nur, wer eine mittelschwere Geschichtsamnesie hat, kann den immerhin angenehm kurzen Rundgang innerhalb von Minuten einfach beenden und unter der Rubrik „Kuriositäten“ verbuchen. Wer sich auch nur ein bisschen in der Geschichte der deutschen Linken auskennt und nicht völlig verblödet ist, wird nicht umhin kommen, eine gravierende Dokumentationslücke zu bemerken: linken Antisemitismus nämlich.

Der Facebook-Werbetext hatte der linken Bewegung noch, so typisch protzig-verklausuliert wie leider auch zutreffend, einen „Impuls antiautoritären Denkens und Handelns als Gegenentwurf zu einem formell repräsentativ verfassten Politikverständnis“ attestiert. Das ist ehrlich gesprochen, was es aber konkret bedeutete, wird in der Ausstellung verschwiegen. Das „antiautoritäre Denken“ der Siebzigerjahre richtete sich politisch in erster Linie gegen den Westen – nicht gegen Herrschaft als solche, sondern gegen eben jene Form von Souveränität, in der Individuum, Volk und Staat noch nicht unmittelbar miteinander identisch sind. Die vielen mao-stalinistischen Grüppchen und Pseudoparteien, die in der Ausstellung offenbar bewusst ausgeblendet werden, obwohl sie doch vor Maos Tod 1976 das organisatorische und ideologische Herzstück der Neuen Linken darstellten, repräsentierten eine Generation, die von ihren Eltern die Wut über die Niederlage im Zweiten Weltkrieg geerbt hatte und deshalb erneut „siegreich im Volkskrieg“ sein wollte. Die Bundesrepublik sollte als „imperialistischer Staat“ wieder durch einen Volksstaat ersetzt werden und all die kämpfenden Hilfsvölker der Dritten Welt sollten in ihrem Kampf gegen die Alliierten nachträglich durch eine gehörige Dosis „Solidarität“ entschädigt werden. Als die K-Gruppen sich in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre auflösten und deren Mitgliederschaft in die „Neuen Sozialen Bewegungen“ diffundierte, wurde das antiautoritäre Denken zwar führerlos, segelte aber mit den Stichworten „Ökologie“ und „Frieden“ weiter unter völkisch-antiimperialistischer Flagge – bis hinein in den Bundestag, wo die Grünen sich heute als drittstärkste und vielleicht bald zweitstärkste Volkspartei etabliert haben.*

Die in einem Teil der Protestbewegung schon von Beginn an aufschäumende Faszination für militante Formen des „Widerstandes“, aber auch die zunehmende Abwendung von konkreten innergesellschaftlichen Problemen hin zu jenem rot-braunen Antiimperialismus, dem schon die Eltern gefolgt waren, markierte den endgültigen Übergang von der Protestbewegung der Sechzigerjahre in eine konformistische Revolte. Was gerade im antiautoritären Flügel des SDS um die ‚späteren’ Nazis Bernd Rabehl und Günter Maschke schon vorgezeichnet war, kam in den Siebzigern zu sich selbst: der Antiimperialismus als Zentrum linker Weltanschauung. Die notdürftige Rationalisierung des Hasses auf gerade jene Teile des von den Westalliierten implementierten Rechtsstaates, die in der weitgehenden Bändigung des Volkszorns bestanden, änderte nichts daran, dass viele Aktivisten – nicht nur in den K-Gruppen – es unter der Parole „Solidarität mit Palästina!“ immer offensichtlicher auf die Wiederermächtigung des antisemitischen Mobs abgesehen hatten. Seither werden jüdische und israelische Einrichtungen in der Stadt, die wieder dem „Volk“ gehören sollte, rund um die Uhr bewacht.

Da das entsprechende „antiautoritäre Handeln“ sich letztlich gegen die Juden und ihren Staat richten musste, hätte man als Besucher einer Ausstellung über diese Zeit erwarten können, die harmlosen Yoga-Hippies als das präsentiert zu bekommen, was sie tatsächlich waren: der nur dumme, aber ungefährliche Rand einer Generation, deren innerer Antrieb auf den Kampf gegen Israel drängte. Eben dies in der Ausstellung auszublenden, kann man nur als vorsätzlich betrachten – war doch gerade München von Beginn an ein Zentrum des antisemitischen Terrors. Und dies betrifft nicht nur die palästinensischen Genossen, die 1970 ein israelisches Flugzeug in München-Riem zu entführen versuchten und 1972 nahezu das gesamte israelische Olympiateam ermordeten: Als am 13. Februar 1970 ein Brandanschlag auf das jüdische Altenheim in der Reichenbachstraße verübt wurde, bei dem sieben Menschen starben, lag angesichts der scharfen antizionistischen Propaganda der Linken und einem zum Glück gescheiterten Bombenattentat auf die Berliner jüdische Gemeinde durch Kunzelmanns „Tupamaros“-Gruppe einige Monate zuvor die Vermutung nahe, dass linke Antisemiten hinter dem Anschlag steckten. Der Politologe Wolfgang Kraushaar hat in seinem jüngsten Buch diese These zu belegen versucht und wurde dafür von der linksliberalen Presse nicht von Ungefähr aufs Übelste denunziert. – Aber unabhängig davon, wie überzeugend seine Argumentation ist, zeigen schon die damaligen Reaktionen der linken Gruppierungen, wie eng sie mit dem antisemitischen Terror verflochten waren. Der linke AStA der Uni München etwa sagte aus angeblichen Pietätsgründen eine ursprünglich geplante Demonstration gegen – Überraschung – den israelischen Botschafter Abba Eban ab; man könnte auch sagen, der Studierendenausschuss fühlte sich ertappt. Schon im September demonstrierten wieder über 500 Personen für den „gerechten Kampf der Palästinenser“. Und die „Tupamaros München“, denen das Attentat von vielen zur Last gelegt wurde und wird, wehrten sich gegen die Vorwürfe durch abermalige antisemitische Ausfälle: „Wir treffen keine Unschuldigen. Diesen neuen Reichstagsbrand im Altersheim können nur Leute gelegt haben, die dran interessiert sind, die Hexenjagd auf die Feinde des US-zionistischen Imperialismus zu eröffnen.“

Nach diesen Manifestationen des linken Antisemitismus sucht man im Münchner Stadtmuseum jedoch vergeblich. Stattdessen ist auf dessen Website vermeintlich harmlos von „Solidarität im Kampf gegen Kolonialismus und diktatorische Regime“ zu lesen. Und die Verdrängung hat Methode: Die deutsche Alternativbewegung hat auf Teufel komm raus das Bessere zu sein; die Antisemiten seien Einzelne gewesen, mit denen die Bewegung selbst nichts gemein gehabt habe. Mit dieser Lüge fühlen sich die Überreste der Bewegung und ihre Erben noch heute als die Ausgeburten von Menschlichkeit und Moral – zuvörderst wenn es darum geht, Israel des „Kolonialismus“ zu schelten und durch das Herbeifantasieren eines „pragmatischen Teils der Hamas“ (C. Roth) den Mord an Juden abermals als politisches Programm zu legitimieren.

Anmerkung:

*Auf kommunaler Ebene, etwa in München-Haidhausen und Schwanthalerhöhe, sind sie es schon längst. Und in Schwabing, der Heimat von Kunzelmanns Gruppe SPUR, liegen sie nur einen Prozentpunkt hinter der CSU.

Veranstaltung mit Richard Kempkens

Ungeglaubter Glaube, gläubiger Unglaube: Katholizismus im Land der permanenten Reformation

Der scheidende Papst Benedikt XVI. hat offenkundig genug von den kalten Böen, die ihm ständig die Soutane aufwirbelten, den äußerst lästigen Benedetto-Chören und den ständigen Mikrophonrückkopplungen. Der Vorsteher der meistgehassten und meistverfolgten Religionsgruppe der Welt hat kaum seinen Rücktritt angekündigt, da erhebt sich im deutschen Blätterwald und den nie fehlenden Umfragen die fast einhellige Forderung nach Reformen, nach einem neuen aggiornamento an den postmodernen Zeitgeist, nach einer Vertiefung der Ökumene, nach weiblichen Priestern, schwulen Ehepaaren und selbstverständlich nach einem nichtweißen Kirchenoberhaupt, sprich: nach einem Obama-Papst, einem antipapstKrankenhausclown mit großem Latinum. Die Segel gebläht von der heißen Luft, die sie erzeugen, und doch irgendwie vom Heiligen Vater so plötzlich verlassen wirkend wie das Kirchenvolk selbst, rufen sie nun von Spiegel bis Zeit nach dem Ende des finsteren Mittelalters, nach innerkirchlicher Demokratie und der endlichen Preisgabe der irrationalen Dogmen, die doch nur den interreligiösen Dialog belasten und den Reproduktionsbetrieb stören. In der katholischen Kirche selbst, namentlich in der deutschen, ist der Wunsch groß, ein reibungslos in den Staat gefügtes Dienstleistungsunternehmen mitsamt pflegeleichter corporate identity zu werden, und dementsprechend klingen viele katholische Wortmeldungen wie aufdringliche Bewerbungen beim Souverän als Sinnstifter. Benedikt XVI. aber, der „erzkonservative“ Dorn in allen Augen, machte sich trotz der schwer identitätsbedürftigen Zeiten verhasst, weil er die Rolle des österlichen Grußaugusts immer wieder dazu nutzte, der sogenannten westlichen Zivilisation in Erinnerung zu rufen, was ihre unhintergehbaren Ausgangspunkte sind, wo ihre zu entfaltenden Forderungen wurzeln: in der hebräischen Gottessuche, der griechischen Philosophie und dem römischen Recht. Es wird zu untersuchen sein, was es mit diesem XXI. Jahrhundert des Abendlandes auf sich hat, an welches sich der vermeintlich „mittelalterliche“ Klerus anpassen soll und nicht ganz will, das sich mit Riesenschritten an die Abwicklung und Einebnung des katholischen Ärgernisses, des fundamentalistischen US-Christentums und last but not least des orthodoxen Judentums macht und gleichzeitig die Diversität der menschenverachtendsten Ideologien von den Islamisten bis zum Dalai Lama abfeiert.
Richard Kempkens ist Redakteur der Kölner Zeitschrift Prodomo und schreibt überdies für die Bahamas.


Mittwoch, den 13. März 2013, 19 Uhr

Salon Irkutsk, Isabellastraße 4, München-Schwabing