Austro-antideutscher Dogmatismus

„Wenngleich aber Philosophie die Welt in Begriffen darstellt, entspricht sie doch darin der Kunst, daß sie nach innerer Notwendigkeit – ohne daß Absicht dazwischen tritt, eben – der Welt den Spiegel vorhält. […] Ein Imperativ aber ist sie nicht. Ausrufungszeichen liegen ihr fern.“ – Max Horkheimer [1]

Der Gesellschaftstheoretiker hat es nicht leicht: Gesellschaft verändert sich. Damit veralten oftmals auch die Begriffe, die diese beschreiben, bis sie schließlich irgendwann zu bloßen Worthülsen werden. In diesem Sinne wird Theorie über die Jahre und Jahrzehnte unwahr – wenn sie sich nicht selbst in die Kritik, wie implizit auch immer, mit einbezieht. [2] Die mangelnde Reflexion auf die daraus notwendig folgende Beschränktheit des eigenen Wirkens kann geradezu als der zentrale Grundfehler beinahe aller bisherigen gesellschaftskritischen Schulen und Bewegungen gelten. So bestand die Unkritik des Marxismus nach Marx darin, dass sie diesem noch Jahrzehnte nach dessen Wirken blind in allem folgte, dessen „Lehre“ unaufhörlich herunterbetete und deshalb hinter das Entscheidende zurückfiel: die radikale Kritik der Gesellschaft auf der Höhe ihrer Zeit. Diesem erfahrungsresistenten Dogmatismus gegenüber war die kritische Theorie Adornos und Horkheimers insofern orthodox, als sie die wesentlichen Impulse der Marxschen Kritik – ihr Agens – aufnahm und gerade deshalb gezwungen war, die historisch neuen gesellschaftlichen Konstellationen in veränderter Form zu fassen (wobei dieser Formenwandel der Kritik keiner der bloßen Darstellung ist, sondern auch den begrifflichen Inhalt affiziert). Die sture Wiederholung der einmal konzipierten Theorie war nicht die Sache Horkheimers und Adornos. Ganz im Gegenteil distanzierten sie sich von den eigenen früheren Schriften, sobald sie erkannten, dass das Geschriebene der veränderten (ideologischen) Wirklichkeit nicht mehr angemessen war: „Nicht an allem, was in dem Buch [scil. der Dialektik der Aufklärung, GKR] gesagt ist, halten wir unverändert fest. Das wäre unvereinbar mit einer Theorie, welche der Wahrheit einen Zeitkern zuspricht, anstatt sie als Unveränderliches der geschichtlichen Bewegung entgegenzusetzen.“ [3] Horkheimer und Adorno waren in diesem Sinne keine Theoretiker, sondern Kritiker, die versuchten, dem Wandel der gesellschaftlichen Erfahrung gerecht zu werden.

Das Elend des Theoretikers

Theoretiker, wie kritisch auch immer, sind also notwendig beschränkt. Mittelfristig bleiben ihnen nur die Optionen der (impliziten) Selbstaufhebung im weiteren Vollzug des Denkens und die des Verstummens. Eine dritte, allerdings unkritische Option präsentiert der austro-antideutsche Theoretiker Gerhard Scheit: Die unermüdliche und besinnungslose Wiederholung – teilweise in anderen Worten, teilweise gar in den gleichen. Der Wiener Theorieapostel hat sich über die Jahre einen aus Begriffsformeln und Zitatenbruchstücken („Unstaat“, „Hegemon“, „Minimum an Freiheit“, „Primat der Außenpolitik“, „Vorrang des Objekts“, „Gegensouverän“, „Imperativ“ hier, „Imperativ“ dort etc.) bestehenden Theoriebaukasten zusammengebastelt, aus dem er sich zum Zwecke der Texterstellung bedient, um stets das Gleiche zu demonstrieren, nämlich: dass man in Wien immer schon recht hatte. Da kann kommen was will – muslimische Masseneinwanderung, antideutsche Volksfront gegen rechts oder Donald Trump – Gerhard Scheit beharrt eisern auf dem, was schon geschrieben wurde, und zwar von ihm selbst (und, ferner, Manfred Dahlmann). In der Fußnote zum Satz: „Was nun aber die USA betrifft, ging es in den Jahren nach 9/11 und dem Sturz Saddam Husseins darum, die Bedeutung der hegemonialen Rolle der USA erst noch näher zu bestimmen – und zwar in ihrem Verhältnis zu Israel“, heißt es etwa: „Siehe hierzu in der sans phrase: Manfred Dahlmann: Finanzkrise und deutsche Kriegskasse (1/2012); Gerhard Scheit: Die wirkliche Herrschaftsstruktur in Europa und der Rechts-Linkspopulismus (1/2012); Diskussion mit Manfred Dahlmann: Der Euro und sein Staat (7/2015); Gerhard Scheit: Die Frage der Hegemonie und die Resistenzkraft des Rechts (9/2016); Manfred Dahlmann: Autarkie ist Regression. Ausschnitte aus einem Gespräch mit Gerhard Scheit (10/2017); Gerhard Scheit: Die Bewaffnung des Gestors: Von Theodor Herzl zu Vladimir Jabotinsky (11/21017) [sic].“ (13/2018, 16 [Hervorhebung, bis auf die Wörter sans phrase, GKR]).

Mit jedem neuen an den Leser gerichteten Wink mit dem Zaunpfahl, doch bitte das eigene Œuvre zur Kenntnis zu nehmen, verstärkt sich der Eindruck, bei der von Gerhard Scheit herausgegebenen Zeitschrift sans phrase handle es sich vorrangig um das Unternehmen, den eigenen Nachlass schon zu Lebzeiten an den Mann zu bringen. Ideologiekritik im 21. Jahrhundert ist undankbar, die akademischen Lorbeeren bleiben im Regelfall aus. Die sans phrase soll ganz offensichtlich dazu dienen, sich diesen Sachverhalt nicht bewusst machen zu müssen. Als krude Melange aus Uniseminar, politisiertem Kaffeehaus und französischer Existenzialphilosophie hat sie ihren Ort irgendwo zwischen kokett-enttäuschter Bohème und Akademie. Um von der Fachöffentlichkeit ernst genommen zu werden und das akademische Format zu wahren, d. h. irgendwie auf Buchform zu kommen, ist den Herausgebern offenbar alles recht: Neben studentischen Hausarbeiten machen allerhand Nachlass- und Wiederabdrucke mittlerweile den Hauptanteil des Heftes aus, was es nebenbei erlaubt, den eigenen Namen neben Mit-„Autoren“ wie Leo Löwenthal, Günther Anders und natürlich Jean Améry auf das Cover zu setzen. Um weitere Seiten füllen zu können, zeichnet man Gesprächsrunden auf oder interviewt sich gegenseitig – etwa zum „Verfall der amerikanischen Institutionen“ unter Donald Trump und zum US-amerikanischen Mob [4], der „schon anagitiert“ worden sei. [5]

Obwohl Gerhard Scheit der ideologiekritischen Schmuddelecke also erfolgreich entkommen ist, kann er dennoch nicht ganz von ihr lassen, weshalb er sich regelmäßig der Zeitschrift Bahamas bedient, um sich irgendwie ins Spiel zu bringen beziehungsweise die starre Lehre doch noch als einigermaßen aktualisierbare Option zu präsentieren. Die austro-antideutsche Schule hat es sich zur theoretischen Aufgabe gemacht, Wertkritik, Israelsolidarität, Scheit’schen „Primat der Außenpolitik“ und Adorno mit einem Schuss Sartre in eins zu verrühren. Wird die Rezeptur doch einmal verändert, bedarf es der großtheoretischen Aufbietung aller Kräfte. [6] Die sans phrase, deren geistige Leere dem Leser schon bei der Lektüre des Inhaltsverzeichnisses entgegenschlägt, teilt ihr trauriges Schicksal mit jeder sogenannten Schulgründung: Die repressive Atmosphäre, welche die Autosuggestion generiert, man hätte schon alles gesagt beziehungsweise müsse es nur noch aus dem System ableiten, führt letztendendes – spätestens bei den Schülern – zum intellektuellen Stillstand, allem gelehrten Kaffeehausgehabe zum Trotz.

Insofern benötigt man die Bahamas. Da man nichts Relevantes zu sagen hat, kein Funke überspringt und Erkenntnis oder Kritik nicht stattfindet, kompensiert man die geistige Kargheit durch Bahamas-Kritik und schafft sich so die Möglichkeit eines „Engagements“, das ansonsten jeglichen gesellschaftlichen Gegenstand (abseits seiner Einspeisung in die Theoriemaschine mit absehbaren Resultaten) verloren hat. Man müsste, um das Bonmot zu gebrauchen, die Bahamas erfinden, wenn es sie nicht schon gäbe. Bahamas-Kritik ist die Würze, durch die der fade Brei der Leserschaft noch irgendwie schmackhaft gemacht werden soll – kaum denkbar, dass Bachs geistliche Kantaten oder Günther Anders’ Brieffolge 6–23 (beides aus dem aktuellen Heft) eine derartige Faszination auf das verbliebene antideutsche Publikum auszuüben vermögen. Kurz und gut: Nur aus der paradoxen, den Narzissmus des Herausgebers definitiv kränkenden Konstellation, dass man das, was man perhorresziert, doch benötigt, während man sich dies aber gleichzeitig nicht eingestehen kann, ist das vollkommen außer Rand und Band geratene Gepolter gegen die Bahamas zu erklären.

Kaffeehaus- statt Stammtisch-Atmosphäre

Man kann den Groll, der den Wiener Cheftheoretiker regelmäßig durchfahren muss, förmlich spüren, wenn man Zeilen liest wie die folgenden: „Soweit aber die Souveränität des eigenen Landes zur Priorität gemacht wird, gibt es zumindest an einem Punkt Übereinstimmung mit jenen selbsternannten Maschinengewehren des Volks, und dieser Punkt drückt sich in der oft zu hörenden und vielfach variierten Forderung aus, die als die harmloseste erscheint, aber ganz der Stammtisch-Atmosphäre entspricht: Wer sich nicht an die Spielregeln hält, der soll nicht hereinkommen beziehungsweise abgeschoben werden.“ (8/2016, 5f. [Hervorhebung GKR]) Zwar stand in der Bahamas weder zu irgendeinem Zeitpunkt etwas von Abschiebung, noch davon, dass die Souveränität des eigenen Landes zur „Priorität“ gemacht werden sollte – es reicht aber hin, dass von „Spielregeln“ gesprochen wurde [7], denn: an einem Punkt gibt es damit Übereinstimmung mit den Rechtspopulisten. Diese treten zwar mittlerweile im Gegensatz zu den meisten anderen Parteien für Israel ein, aber das nimmt Scheit ihnen nicht ab. „Postfaschisten“ beziehungsweise „Postnazisten“ können niemals und unter keinen Umständen glaubhaft für Israel Partei ergreifen, so der betreffende Paragraph im Katechismus. Das mögen der israelische Ministerpräsident und mit ihm viele Juden weltweit zwar anders sehen, aber darum geht es nicht – es geht darum, was geschrieben steht beziehungsweise was Gerhard Scheit schon immer geschrieben hat.

Die Pointe dieses Bahamas-Bashings besteht jedoch weniger darin, dass die Bahamas – Gott bewahre – an einem Punkt mit irgendwelchen Maschinengewehren des Volks, also allen AfD- und FPÖ-Wählern, die selbstredend allein aufgrund ihrer Wahlentscheidung (Post-)Nazis sind, übereinstimmt, sondern dass sie sich mit ihren Stammtischreden nicht ausreichend engagiert – für Israel. Ginge es nach Scheit, müsste man die Antisemiten wohl hierbehalten (oder vielleicht am besten gleich herholen), damit sie dort keinen Schaden mehr anrichten. Was bescheuert klingt, ist es in diesem Fall auch – aber der Reihe nach. Der austro-antideutsche Hokuspokus, der die Abneigung gegen muslimische Freiheitsfeinde und Antisemiten in Israelkritik verwandelt, begründet sich so: „Schiebt man diejenigen ab, für die Gesetze tatsächlich Spielregeln im ‚Haus des Krieges‘ sind, so schiebt man sie in den meisten Fällen in Gebiete zurück, wo sie die mittelbar oder unmittelbar gegen Israel gerichtete Katastrophenpolitik auf Dauer noch intensivieren.“ (8/2016, 7) Der europäische Normalbürger soll folglich dem oben zitierten Impuls (Antisemiten, Messerstecher, Vergewaltiger: „Bitte wegbleiben“) nicht nachgeben, und zwar nicht obwohl, sondern weil die einzige einigermaßen vernünftige Gesellschaft des Nahen Ostens (Israel) den antisemitischen wie antiwestlichen gesellschaftlichen Durchschnitt ebenfalls absenken beziehungsweise nicht anheben will, es also am liebsten hätte, wenn die Mörder wegblieben. Woran Scheit hier denkt, ist somit ein imperativisches Selbstopfer für Israel – nicht für die Juden, denn Juden gibt es in Europa auch. Die aber sollen sich, so die Ansage vom sicheren Wiener Schreibtisch aus, nicht so haben: „Sub specie des Antisemitismus sind sie auf keine vergleichbare Weise von der terroristischen Gefahr wie auch alltäglicher physischer Bedrohung durch nicht unbedingt djihadistisch gesinnte Muslime betroffen“, obwohl „beides […] sich im Laufe weiterer Einwanderung verschärfen [wird].“ (8/2016, 8)

Der sans-phrase-Leser fragt sich spätestens an diesem Punkt: Was also nun? Gerhard Scheit antwortet ebenso bedächtig wie pseudodialektisch: Einerseits, andererseits. Die Situation ist vertrackt – jedenfalls zu vertrackt für den Stammtisch. Zwar: „[D]as Naheliegende wäre, religiös motivierte Gewalttäter und Hassprediger eben keineswegs abzuschieben, vielmehr im Immigrationsland nicht nur mit besonderen gesetzlichen Befugnissen ausgestattet strafrechtlich zu verfolgen, sondern auch dafür zu sorgen, dass sie hier ihre Strafe vollständig verbüßen.“ Aber: „Ob Reeducation gelingt, ist immer fraglich, und die Djihadisten, soweit man ihrer in erforderlichen Ausmaß überhaupt habhaft wird, verlassen irgendwann wieder das Gefängnis.“ (ebd.) Man sieht, die Situation bleibt aporetisch; Scheit spricht vom „Dilemma“ [8]. Zwar macht er, wie gezeigt, ganz konkrete Verbesserungsvorschläge in Bezug auf das deutsche Einreise- und Asylsystem, also auf staatliches Recht und staatliche Praxis; zwar spricht auch er vom „Selbstmord des Souveräns“, den Angela Merkels „Regierung selber anpeilt.“ (8/2016, 10) Schlimm wird es aber, wenn dies die Bahamas und andere „Rechtspopulisten“ tun, die, so könnte man mit Scheit sagen, als einzige politische Fraktion gelten müssen, die die Sorgen und Ansichten der israelischen Mehrheit teilt: „Solche Dummheit [scil.der Bahamas] dokumentiert sich bei den für Souveränität und einen besseren Staat Engagierten unter anderem darin, von Spielregeln zu sprechen und also vom bloßen Willen der Mitspieler, sie auch einzuhalten, über den sich am Stammtisch eifrig spekulieren lässt […].“ Demgegenüber sei „beharrlich von Gesetzen auszugehen“ – als schlösse sich das gegenseitig aus [9] – , „die allein dazu da sein können, Schlimmeres zu verhindern, und einfach nur praktische Möglichkeit der Staatsgewalt, ihre Einhaltung zu kontrollieren, zum Kriterium der Urteilsbildung zu machen. Ob sie dazu noch verwendet wird, bleibt ohnehin offen. Es jeweils neu zu beurteilen, ist – Kant und Adorno zufolge – ‚Sinn für Proportionen‘ gefragt [sic].“ (8/2016, 11 [Hervorhebung GKR]) Der Stammtisch spekuliert, das Kaffeehaus beurteilt mit Kant und Adorno, denn es hat den Sinn für Proportionen.

Wer so redet, wie Scheit es tut, lässt seiner Verachtung für all diejenigen freien Lauf, die zwar keinen Kant und keinen Adorno kennen, dafür aber noch einigermaßen vernünftige Vorstellungen davon haben, in was für einer Gesellschaft sie leben möchten – und um diese geht es primär, nicht um „das eigene Land“, wie Scheit mit allen linken Anti-AfD- und Anti-FPÖ-Islamfreunden insinuiert. Auch letztere, die neuen progressiven Deutschen, verabscheuen den längst kollektiv geächteten Stammtisch und seine meist älteren und tendenziell proletarischen Teilnehmer – Leute, die oftmals schlicht nicht mehr im Leben haben – im selben gehässigen Ton als schäbig, borniert und ungebildet. Dass die Vorstellungen des Stammtischs im heutigen Deutschland und vor allem im Vergleich mit seinen linken Kritikern mittlerweile als relativ westlich, bürgerlich und lustaffin durchgehen können [10], ist dem Cheftheoretiker wurscht: es wurde deduziert und damit basta. Die absolute Erfahrungslosigkeit rächt sich im Falle Scheits aber insofern, als es an ihm selber offenbar vollkommen vorbeigegangen ist, in was für einer Gesellschaft er sich mit seinen Anti-Pöbel-Pöbeleien befindet: in der neuen linksdeutschen und antiisraelischen Volksgemeinschaft gegen rechts nämlich (in Scheitdeutsch: zumindest an einem Punkt gibt es hier also Übereinstimmung).

Dummheit der Ideologiekritik

Zu plump, zu platt, zu grob – der Scheit’sche Dünkel geht nicht mit, wird das vermeintliche Niveau des Wiener Intellektuellenzirkels unterschritten. So verbittet sich der Meister die „Rede von der Islamisierung Europas durch Immigration“ – man ahnt es, wiederum gerichtet gegen die Bahamas, die diesen Ausdruck durchaus verwendet. Nach Scheit lege das Wort nahe, „hier könnte ein in sich geschlossenes, homogenes und stabiles Kalifat quasi nach alter Tradition, etwa mit Dhimmi-Status für Nichtmuslime, wiedererstehen.“ Ein Kalifat sei jedoch „unter modernen Bedingungen eben keineswegs mehr möglich“, so der Großtheoretiker (8/2016, 11f.). Zwar ist die Koppelung von Islamisierung und Aufrichten eines in sich geschlossenen, homogenen und stabilen Kalifats eine Scheit’sche und damit eine, die zumindest kein Bahamas-Autor je vorgenommen hat, dennoch: Scheit demonstriert die Unmöglichkeit der Islamisierung und damit aufs Neue die – so schlicht, so bezeichnend – Dummheit der Bahamas.

Mit der gegen die Bahamas gerichteten Wendung der „Apologie des Postnazismus“ (13/2018, 25) gelang Scheit in der Folge geradezu ein Bravourstück, das sich in seiner Begriffs- und zugleich Erfahrungslosigkeit mit jeder marxistisch-leninistischen Abwürgung all dessen, was nicht in den dogmatischen Kram passt, auf theoretischer Augenhöhe befindet. Nachdem der Bahamas-Autor Rajko Eichkamp in einem Interview [11] auf die historische Bedeutung des innerkapitalistischen Strukturwandels vom sozial-korporatistischen Fordismus hin zur postmodernen beziehungsweise postfordistischen digitalen und Dienstleistungs-Ökonomie hingewiesen sowie kritische Interventionsmöglichkeiten aufgezeigt hatte, brach es aus Gerhard Scheit folgendermaßen hervor: „Die neueste dieser Apologien beruht dabei auf der hanebüchenen Suggestion, eine Rückkehr zum Sozialstaat des Wirtschaftswunderkapitalismus wäre möglich […].“ (13/2018, 25) Dabei sprach Rajko Eichkamp an keiner Stelle von einer „Möglichkeit“ im Sinne einer realen historischen Option beziehungsweise Machbarkeit, sondern zeigte bloß den vernünftigen, materialistischen Impuls auf, der ursprünglich sozialdemokratischen Forderungen wie etwa denen nach mehr Lohn, weniger Arbeit und besseren Sozialleistungen heutzutage inhärent ist. Gleichzeitig verwies er auf Bewahrenswertes, das im blinden Fortschritt ersatzlos unterzugehen droht. [12] Insofern betonte Rajko Eichkamp explizit den systemtranszendierenden, gewissermaßen unmöglichen„revolutionären Gehalt“ [13] dieser von ihm mehr tastend als doktrinär vorgebrachten Forderungen.

Hatte man Horkheimer und Adorno schon vor einigen Jahren „blinde Flecken“ nachgewiesen (die man mit Sartre und Leo Strauss behoben zu haben glaubt, gewissermaßen als Sanierungsarbeiten am Lehrgebäude), so wird auch hier von einer angeblichen „Verdrängung“ schwadroniert: Man muss „den Zwiespalt verdrängen, dass [der Wirtschaftswunderkapitalismus] ebenso auf den Resultaten des Vernichtungskriegs wie dem Sieg der Alliierten, auf der Entwicklung der Produktionskapazitäten durch jenen Krieg wie dem Marshallplan und der Integration in den Westen aufgebaut wurde.“ (13/2018, 25 [Hervorhebung GKR]) Der Sachverhalt verweist also erneut auf ein Scheit‘sches Dilemma, bedeutet aber unterm Strich: Obwohl sich der Sozialstaat der 1950er und 1960er Jahre der Integration in den Westen verdankt, die wiederum auf dem Sieg der Alliierten über den Nationalsozialismus beruht, ist ebenjener Sozialstaat abzulehnen. Und zwar, weil diese Integration historisch (sicherlich keinesfalls logisch) den Nationalsozialismus zur Bedingung hatte. Die ganze austro-antideutsche, im Grunde ontologische Weisheit besteht konkret also darin: Jemand, der sich sozialen Wohnungsbau oder geringere Mieten wünscht, damit er besser leben kann, macht sich damit automatisch zum ewig postfaschistischen und/oder postnazistischen Bösewicht – vor allem wenn er seine Forderungen – im Gegensatz etwa zum israelkritischen Linkskartell, das alles und jedes damit begründet – nicht mit der „Lehre aus Auschwitz“, sondern mit dem Wunsch nach dem eigenen guten Leben rechtfertigt. Mit der linksradikalen Behauptung, das ebenso egoistische wie bornierte Festhalten am Sozialstaat sei im Grunde nationalsozialistisch, liefert Scheit die antideutsche Theorie zu dessen gegenwärtig vonstattengehender negativer Aufhebung, die dem entgrenzten deutschen Wahn weit eher entspricht als die alte Bonner Republik.

Das grobschlächtige Entweder-Oder-Denken setzt die Begriffsschablone, anhand derer autoritär dekretiert wird, was gedacht werden darf. Wer die angeblich falsche theoretische Perspektive respektive Methode hat, ist eines a priori falschen Ergebnisses überführt und wird mit irgendwelchen „Primaten“ und „Imperativen“ abgebügelt, als befinde man sich an der sowjetischen Parteihochschule. Es ist wenig verwunderlich, dass so irgendwann die Fähigkeit zum inhaltlichen Nachvollzug zu leiden beginnt: Da die Kritik des postmodernen Kapitalismus an die des Neoliberalismus erinnert, diese wiederum an die Kritik des Finanzkapitals und diese dann an den mindestens „strukturellen“ Antisemitismus, zieht Scheit hier die Grenze und unterstellt assoziativ, Rajko Eichkamp wolle den Neoliberalismus „wohl am liebsten in alter linker Tradition als neuen Faschismus und ‚Diktatur des Finanzkapitals‘ benennen.“ (13/2018, 26) [14]

Die repressive, antiästhetische Geistfeindschaft, die sich hier austobt, hat mit kritischer Theorie gerade noch so viel am Hut wie der späte Jürgen Habermas, außer dem geistesgeschichtlichen Hintergrund also so gut wie gar nichts. Hier wird deduziert, abgeleitet und dogmatisch verwiesen. Während Scheit hochtrabend den längst zum ideologischen Versatzstück gewordenen „Primat der Außenpolitik“ gegen jede Verbesserung der sozialen Verhältnisse realiter nur noch beschwört und Forderungen nach letzterer faktisch untersagt, sah etwa Horkheimer in der „Beschäftigung mit der Außenpolitik“ vor allem den Ausdruck „bloßer Ideologie“ [15]: „Außenpolitik hat für diejenigen, die nicht Berufspolitiker sind, rein ideologische Funktionen. Sie beschäftigt die Menschen und hindert sie, sich um die Dinge zu kümmern, an denen sie etwas ändern könnten.“ Und: „Statt daß die Menschen sich mit ihren Angelegenheiten beschäftigen, mit Schulen und Krankenhäusern, mit der Erziehung und dem Stand der Medizin, mit den Zuständen am Rande der Gesellschaft, mit Gefängnissen und Irrenhäusern“ [16], kümmerten sie sich um Außenpolitik. Man kann sich denken, was der Meister seinem phantasierten Kollegen Horkheimer hier wohl antworten würde: Es ist nicht möglich! oder: Da hast du einen blinden Fleck!

Der Urgrund allen Übels

Nun würde man meinen, die Grenze des Gepolters sei an dieser Stelle wohl erreicht. Doch weit gefehlt. Im selben Artikel, in dem Rajko Eichkamp mit dem austro-antideutschen Lehrbuch auf die Finger geschlagen wird, findet sich die Bemerkung, es sei „unbeschreiblich dumm und grob fahrlässig, die AfD als die einzige konsequent israelsolidarische Partei zu bezeichnen. Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn eine solche Partei im Bundestag säße. Der Grund, der in dieser Identifikation [mit der AfD, aber auch mit der FPÖ; GKR] sichtbar wird, ist keiner, sondern Apotheose der nationalen Organisation von Arbeit oder anders gesagt: Wahn der Autarkie oder mit Fichte gesprochen: der geschloßne Handelsstaat.“ (13/2018, 17 [bis auf das Fichte-Wort Hervorhebung GKR]) Der Leser fragt sich, wer je so von der AfD gesprochen haben könnte beziehungsweise in diesem Zusammenhang sich die Vergötterung („Apotheose“) der „nationalen Organisation von Arbeit“ zum „Grund“, der „keiner ist“ und dennoch „sichtbar wird“, gelegt haben könnte, denn leider wird die Aussage nicht belegt. Da man mittlerweile aber weiß, wie verschlagen das kritische Geschäft bei Gerhard Scheit vonstattengeht, ahnt man, wem die Worte hier in den Mund gelogen sein könnten: Dem Bahamas-Autor Thomas Maul. Der hat zwar die AfD nie als konsequent israelsolidarisch bezeichnet, geschweige denn sich mit ihr identifiziert, doch handelt es sich bei dem von Scheit Monierten um Beinahe-Zitate aus zweien seiner Texte, die im Sommer 2018 einen von Shitstorms in sozialen Medien und einer vergleichsweise breiten Berichterstattung begleiteten Szene-Streit in Leipzig ausgelöst hatten.

Am Ende seines am 28. Mai 2018 im Conne Island gehaltenen Vortrags „Zur Kritik des islamischen Antisemitismus und seiner Bagatellisierung“ zitierte Thomas Maul Bundestagsreden für Israel und gegen Antisemitismus und kommentierte diese anschließend folgendermaßen:

„Diese Reden machen bis auf wenige Abstriche und in den wesentlichen Punkten den Eindruck, als hätten Alex Feuerherdt oder Stephan Grigat einige ihrer wichtigsten Interventionen der letzten Jahre in Politikerdeutsch übersetzt und sich als Redenschreiber betätigt, auf dass mal irgendetwas, von dem durchaus wichtigen, was sie ja sagen, auch im Bundestag ankomme. Dem war nicht so. Es ist auch nicht so, dass es Sebastian Voigt und dem B[AK]-Schalom gelungen wäre, die Linkspartei insgesamt oder auch nur deren Bundestagsfraktion auf konsequent israelsolidarischen und antisemitismuskritischen Kurs zu bringen. Deshalb stammen die Reden von Beatrix von Storch von der AfD und die ganze Fraktion hat dazu applaudiert. Und Reden wie diese stellen keine Ausnahme dar, die entsprechende Rede Gaulands war ja auch in Leipzig schon im Gespräch. Vor Einzug der AfD hat es solche proisraelischen und antisemitismuskritischen Reden im Deutschen Bundestag nicht gegeben, schon gar nicht von der jeweiligen ganzen Fraktion geteilt. […] Die Linken in der Israelsolidarität, welche versucht haben, eben die Israelsolidarität in den klassischen Antifaschismus zu integrieren, machen jetzt auch und gleichzeitig auf klassischen Antifaschismus gegen die AfD, und damit gegen die einzige israelsolidarische, antisemitismuskritische und […] patriarchatskritische Partei, weil sie zum völkischen Popanz aufblasen, was schlimmsten Falls dem Stand der CSU von vor 20 Jahren entspricht, und dazu arbeiten sie wieder offiziell oder informell mit jenem Linkskartell zusammen, was für die Erfolge der AfD verantwortlich ist, und dessen Proislamismus und Antiisraelismus ja in erster Linie anzuprangern wäre. Das einzig halbwegs Konsistente dabei ist der positive Bezug aufs Wörtchen ‚links‘. Ansonsten aber führt das Beharren auf linke Identität eben auch bei Linksantideutschen dazu, dass Israelsolidarität entweder nichts Prioritäres mehr hat oder inkonsistent und widersprüchlich wird. Zumindest will es mir nicht einleuchten – und das ist mein Schlusswort –, warum es eine vernünftige Strategie sein soll, mit linken Antisemiten gegen die rechte Israelsolidarität zu kämpfen.“ [17]

Das Wort „konsequent“ ist hier nicht positiv auf die AfD bezogen, sondern negativ auf die Linkspartei. Dieser wird die Konsequenz in Sachen Israelsolidarität abgesprochen, die ja zumindest beinhalten müsste, dass proisraelische Positionen vertreten werden und in der Fraktion konsensfähig sind. Die Möglichkeit, dass es mit der wünschenswerten Konsequenz der AfD beim Thema Israel ebenfalls nicht weit her, die Partei in der Frage also unehrlich sein könnte, stellte Thomas Maul in einem Facebook-Post vom 9. Mai 2018, an dem sich der „Skandal“ um seine Person entzündete, ausdrücklich in Rechnung:

„Immer wieder erscheint die AFD objektiv als EINZIGE Stimme der Restvernunft im Deutschen Bundestag, zuweilen gar als parlamentarischer Arm materialistischer Ideologiekritik, wofür die inzwischen einigermaßen bekannte Rede Gaulands zur Gründung Israels ja nur ein Beispiel von vielen ist. Wem das missfällt, wer die Wahrhaftigkeit der ‚Rechtspopulisten‘ bezweifelt und von bloß ‚erfolgreichen Selbstinszenierungen‘ ausgeht, der müsste wenigstens die zur Schau gestellte Unvernunft des herrschenden Linkskartells als Bedingung der Möglichkeit dieses Erfolges anprangern, statt mit Dämonisierung der AFD dem allgemeinen Wahn weiter zuzuarbeiten. Dass den Hysteriker schon simpelste Einsichten überfordern, ist allerdings auch nichts Neues…“

Will man die in beiden Texten hinsichtlich der AfD getroffenen trivialen Tatsachenfeststellungen unbedingt als „Lob“ verstehen, so wäre es ein vergiftetes, denn es dient der Bloßstellung der anderen Parteien sowie der linken Israelfreunde, die mit ihnen in der antifaschistischen Volksfront gegen die AfD stehen. Thomas Maul hielt der Linken in kritischer Absicht den Spiegel vor (siehe das Eingangszitat von Horkheimer) – er identifizierte sich aber keinesfalls mit der AfD. Dabei hätte er sich durchaus auf das Konzept der „Gegenidentifikation“ berufen können, das Manfred Dahlmann im Jahr 2005 formuliert hatte. [18] Eine solche bedeute nämlich keine „Provokation um der Provokation willen, sondern […] eine vernünftig begründbare Parteinahme gegen den herrschenden Konsens, das heißt […] eine politische Intervention, die zur Selbstreflexion zwingt.“ Weiter dürfe und müsse Gegenidentifikation „symbolhaft verkürzen“; reflexionsverweigernde Reaktionen nannte Dahlmann als Kriterium für ihr Gelingen. Doch obwohl sich schwerlich bestreiten lässt, dass Thomas Mauls Aussagen zur AfD in einem Kontext stehen, dem sich eindeutig entnehmen lässt, dass es um Parteinahme gegen den Konsens der linken Israelsolidarität geht und diese zur Selbstreflexion gezwungen werden sollte; obwohl die Aussagen einen Sturm der Entrüstung inklusive linker Gewaltfantasien gegen den Autor auslösten – obwohl also wirklich alles dafür spricht, hier eine gelungene Gegenidentifikation im Sinne Dahlmanns anzunehmen, entscheidet „A“ (Scheit) im Gespräch mit „B“ (ebenfalls Scheit), dass es sich stattdessen um den Versuch einer „Identitätsfindung“ (13/2018, 15) handle, und beteiligt sich an einer auch von Antizionisten getragenen Hetzkampagne, indem er Mauls Beiträge als „unbeschreiblich dumm und grob fahrlässig“ bezeichnet (ebd., 17).

Unwillig, das Geschriebene und dessen kritischen Gehalt zu begreifen, ist Scheit sich nicht zu blöd, in der Nachfolge Hermann Gremlizas [19] (zumindest an einem Punkt gibt es hier also Übereinstimmung) aus den inkriminierten Zeilen eine Identifikation mit der AfD zu konstruieren, eine plumpe und positive Parteinahme die über Höcke und Fichte schnurstracks auf Auschwitz hinausläuft. Man mag einwenden, da der Name Thomas Maul nirgends fällt, sei er hier gar nicht gemeint gewesen. Aber genau darin liegt ja die Perfidie der Wiener Denunziationsanstrengung, die einen bewusst im Vagen gelassenen Verdacht streute, den man entweder auf niemanden beziehen kann oder aufgrund der assoziativen Halbzitate eben auf Thomas Maul beziehen muss, der damit für Aussagen abgestraft wird, die er nie getätigt hatte. Der Leser mag sich das eine oder andere denken. Sicher ist, der Dreck bleibt hängen und die sans phrase steht nicht als dessen Schleuder da, sondern als besonnen, seriös und frei von jeder Provokation um der Provokation willen.

Wie oben zitiert, hält Scheit ganz antideutsch gegen die imaginäre AfD-Identifikations-Strohpuppe fest: „Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn eine solche Partei im Bundestag säße.“ (13/2018, 17) Die Conclusio des Lehrsatzes: Weil Deutschland Deutschland ist und damit bleibt, ist und bleibt der deutsche Bundestag der deutsche Bundestag. Blamiert sich das nicht nur austro-antideutsche Links-Rechts-Schema an der veränderten Wirklichkeit, in der die meisten rechtspopulistischen Abgeordneten keine Israel- und Judenfeinde sind, so ist man froh, dass sich in ihren ostdeutschen Reihen doch noch der ein oder andere authentische Nazi findet, der alles das bestätigen kann, was man über die Rechten schon immer wusste. Die Wiener Kategorienlehre, mit der man hier schaltet und waltet, soll rein bleiben, so dass man sich einfach auf einen kapriziert, der zwar heftigen innerparteilichen Anfeindungen inklusive Parteiausschlussverfahren ausgesetzt ist, aber immerhin tatsächlich als Faschist oder gar Nazi durchgehen kann: Björn Höcke. Scheit zitiert munter aus dessen Buch und erledigt das Problem „Rechtspopulismus“ pauschal per Handstreich – und die gesellschaftliche Wirklichkeit gleich mit. Die Devise: Lieber das Linkskartell vor Kritik schützen, als einen Bahamas-Autor auch nur einen Punkt machen zu lassen.

Scheits Problem, das er durch die Schablone eben zu eliminieren versucht, ist, dass es sich mit den Rechten schwieriger gestaltet, als die antideutsche Gewissheit glauben machen möchte. Da über die proisraelischen Positionen, die sich in der AfD-Bundestagsfraktion finden lassen, schon fast alles gesagt worden ist, sei die FPÖ als passendes österreichisches Beispiel genannt. Deren Innenminister Herbert Kickl erklärte hinsichtlich des Antisemitismus ganz richtig, dieser treffe die gesamte Gesellschaft, „uns alle“. Und die von der FPÖ nominierte parteilose Außenministerin Karin Kneissl wünscht sich „mehr Realismus“ in den Beziehungen der EU zu Israel, an das zu strenge Maßstäbe angelegt würden und das eben nicht die Schweiz und Lichtenstein als Nachbarn habe. [20] Ganz ähnlich redet der Bundeskanzler und Quasi-Rechtspopulist Sebastian Kurz, der nicht nur mittlerweile die zweite Konferenz zur Überwindung des Antisemitismus und des Antizionismus in Europa veranstaltete, sondern auch noch sowas sagte: „Es ist legitim, dass die Europäische Union einen besonderen Fokus auf die engere Nachbarschaft hat, aber gerade wenn auf Bomben im Iran ‚Tod Israels‘ geschrieben wird oder Antisemitismus-Wortmeldungen gegen Israel noch immer in der Region auf der Tagesordnung stehen, dann ist das nichts, wo wir als Europäische Union wegsehen dürfen.“ Seine Regierung, so Kurz, sei die proisraelischste, die es je in Österreich gegeben hätte. Entsprechend bezeichnete Netanjahu ihn als „wahren Freund von Israel und des jüdischen Volkes“. In Bezug auf das Verhältnis Österreichs zu Israel sagte Netanjahu weiter: „Wir schätzen die Schritte, die die österreichische Regierung und das österreichische Parlament in den letzten Monaten unternommen hat“. Und auch der Vorsitzende des American Jewish Committee, David Harris, nannte Kurz einen „erwiesenen Freund von Israel und des jüdischen Volkes“. [21]

Gerhard Scheit aber weiß, der Form nach ganz israelkritisch, dann doch besser als die gewählte israelische Regierung, was gut für Israel ist. Da im austro-antideutschen Dogmatismus „der Volkswille“ als offenbar ontologisch begriffener „Urgrund allen Übels“ (Dahlmann, 10/2017, 45) fungiert, muss etwas nicht stimmen an der Israelsolidarität von Parteien, die sich (immer noch) positiv aufs Volk beziehen – im Zweifel zieht man offenen linken Israelhass vor. Tatsächlich völkische Ideologie, da wäre Dahlmann zuzustimmen, ist übel – der Volkswille als Wille des Volkes als Ganzes ist aber in aller Regel heterogen und zerfällt gegenwärtig etwa in einen pro- und einen anti-islamischen „Teilvolkswillen“, wozu den Wiener Phrasendreschern natürlich nichts einfällt, außer dem immer noch stureren Pochen auf die ehemals deduzierte „postnazistische“ Einheit in Deutschland und Österreich – ganz so, als gäbe es nicht auch in den USA Rechtspopulisten.

In Wien hat man ein ideologisches Erbe zu verwalten und da soll nichts mehr schiefgehen. Für Scheit ist klar, dass man, egal was die Rechten sagen, ihnen nicht glauben darf – denn eigentlich verhält es sich ganz anders, und zwar so, wie es eben bei Björn Höcke oder Johann Gottlieb Fichte steht. Aber angenommen, er hätte recht und die Rechtspopulisten meinten es tatsächlich nicht ernst mit dem positiven Bezug auf Israel und die Juden. Zu was sollte diese bloß „wahltaktische“ Israelsolidarität denn gut sein in den angeblich monolithischen Antisemitenländern Deutschland und Österreich? Welchen Blumentopf gedächten die Rechten zu gewinnen, wenn ihr (potentieller) Anhang gar so judenfeindlich wäre? Statt froh zu sein, dass es dort, wo von Scheit jede Israelsolidarität a priori ausgeschlossen wird, gegenwärtig doch zumindest zu proisraelischen Ansätzen kommt beziehungsweise, nach Scheit, das proisraelische Maximum eben erreicht wird, denunziert er jede rechtsbürgerliche Anstrengung in diese Richtung von vornherein, womit er denjenigen, die ihren Israelhass nicht einmal mehr zu kaschieren versuchen, den antideutschen Dienst erweist.

Mittlerweile ist auch das „Abendland“ durch Thomas von der Osten-Sacken als rechter „Gegenentwurf zum ‚Westen‘“ identifiziert. Der Begriff nämlich, so doziert der antideutsche Nahost-Reporter in illustrer Wiener Runde, „definiert sich a) in Frontstellung zum Morgenland, also dem Orient oder heute dem Nahen Osten“ – was für Osten-Sacken anscheinend ein großes Problem darstellt; „ist b) ein religiös“ – sprich: christlich oder gar jüdisch-christlich – „aufgeladener“, was dem ganz sicher restlos atheistischen Reporter ebenfalls überhaupt nicht schmecken mag; „und c) muss immer verteidigt werden“ (ganz imperativisch, müsste man meinen): „Abendland erscheint [!], anders als Westen, nicht universalistisch, sondern es gehört verteidigt gegen irgendwelche [!] äußeren Feinde.“ (13/2018, 9f.) Da geht der Reporter nicht mit, möge erscheinen, was da wolle. Dass es Thomas Maul, der auch hier in erster Linie gemeint ist, mit der Verteidigung des Abendlandes um eine Rettung des Universalismus in einer materialistischen Bestimmung dessen partikularen, sprich: gesellschaftlich-geschichtlichen Grundes geht [22], mag für „TOS“ am Ende dann eine Nummer zu komplex gewesen sein.

Die Gruppe Kir Royal bedauert es zutiefst, dass aus der sans phrase das Organ eines antideutschen Eso-Zirkels geworden ist, der außer Verweisen auf die eigenen Schulgründer und „Klassiker“ so gut wie nichts Relevantes mehr zu sagen hat. Sie kann den immer noch verstiegeneren „Essays“, sei es über die „deutsche Kriegskasse“ (Dahlmann), den „Vorrang des deutschen Exports als Form der Autarkie“ (Dahlmann) oder das ebenso ominöse „Engagement gegen den Tod“ (Scheit), kaum noch etwas abgewinnen – oftmals, so viel sei eingestanden, weil sie vor lauter Geschwurbel nicht folgen kann. Die Gruppe Kir Royal wünscht sich nichtsdestotrotz, dass die sans phrase ihrem Namen eines Tages doch noch gerecht wird und wünscht hierfür ganz aufrichtig gutes Gelingen!

[1] GS 6, 253.

[2] „Kritische Theorie ist auch Reflexion auf das eigene Tun, nicht nur auf das Tun der anderen.“ Horkheimer, GS 7, 337.

[3] Zur Neuausgabe der Dialektik der Aufklärung, 1969.

[4] Es handelt sich beim hier gemeinten „Mob“ natürlich um den rechten, nicht etwa um die linke Resistance gegen Trump.

[5] Weiter heißt es über den israelfreundlichsten US-Präsidenten aller Zeiten: „Es gibt eben auch extrem viele Gründe gegen Trump zu sein … und vielleicht könnte durch den Widerstand gegen ihn tatsächlich wieder so etwas wie ein neues amerikanisches Nationalgefühl entstehen“. Und: „Ich würde auf jeden Fall sagen, dass [Obama] das kleinere Übel war. Obama hat – bei aller Kritik – amerikanische Institutionen anerkannt und akzeptiert, dass er sich an bestimmte politische Spielregeln [sic] halten muss. […] Trump hat im Unterschied dazu noch nicht einmal eine Ahnung von der amerikanischen Verfassung.“ SZ-Gefasel, mindestens. Der Gerechtigkeit halber muss erwähnt werden, dass sich Scheit selbst – offenbar im Gegensatz zum restlichen Wiener antideutschen Milieu – bisher nicht zu solchen antibürgerlich-antizionistischen Relativierungen hinreißen ließ, sondern sich im Gegenteil über die weit schlimmere US-Demokratische Alternative bewusst zu sein scheint. (10/2017, 25ff.)

[6] Gerhard Scheit: Kritik des politischen Engagements, Freiburg i. Br. 2016 (712 Seiten); Manfred Dahlmann: Freiheit und Souveränität. Kritik der Existenzphilosophie Jean-Paul Sartres, Freiburg i. Br. 2013 (412 Seiten).

[7] Dies wird von Scheit auch so zitiert: „In der Variante der Bahamas: ‚Wer nicht mitspielen möchte, der soll wegbleiben, mit dem möchten wir nicht zusammenleben. Eine solche Bestimmung wäre eine ganz selbstverständliche und keiner Rechtfertigung bedürftige zwischenmenschliche Regelung.‘“ (8/2016, 6, Fn.).

[8 ]„Zu den Mechanismen des Antisemitismus im Zeitalter der Antizionismus gehört, dass auch solche rechtsstaatlichen Maßnahmen, die Israel indirekt entlasten, für die Juden in Europa selbst ein Dilemma darstellen müssen.“ (8/2016, 8).

[9] Ist die Diskussion einmal so weit unten angekommen, schadet es nichts, den Doyen der antideutschen Rechtstheorie zu Wort kommen zu lassen, also sozusagen den Junior gegen den Senior ins Feld zu führen: „Die Praxis des Rechts […] prozessiert niemals von selbst, sondern stets nur durch die von konkreten Personen ausgehende Anstrengung.“ Ebenso: „Damit das Recht überhaupt derart plausibel sein kann, muss von ihm eine gewisse Anziehungskraft ausgehen […].“ Leo Elser: Recht als irrationale Rationalität. Teil 1: Die Logik des Rechts, in: Polemos 6/2015, 23.

[10] Andrea Dielle: Die Regression der Intellektuellen, in: Bahamas 77.

[11] https://platypus1917.org/2018/06/22/den-ganzen-ballast-einer-missgluckten-geschichte-abwerfen.

[12] Er tut dies ganz im Sinne Horkheimers: „Die kritische Theorie […] hat eine doppelte Aufgabe. Sie will das, was verändert werden soll, bezeichnen, sie will aber auch das, was zu erhalten ist, nennen. Sie hat deshalb auch die Aufgabe, zu zeigen, welchen Preis wir für diese oder jene Maßnahme, für diesen oder jenen Fortschritt bezahlen müssen.“ (GS 7, 396).

[13] https://platypus1917.org/2018/06/22/den-ganzen-ballast-einer-missgluckten-geschichte-abwerfen.

[14] Ebenso perfide ist der Verweis auf Trumps deregulierende Politik, spricht Rajko Eichkamp doch hinsichtlich der AfD (Trump wird nicht thematisiert) selbst davon, dass man begreifen müsse, „worin die Attraktivität der AfD liegt, die doch auf der sozialen Agenda für Arbeiter und Arbeitslose nicht viel zu bieten hat.“ (https://platypus1917.org/2018/06/22/den-ganzen-ballast-einer-missgluckten-geschichte-abwerfen).

[15] GS 14, 212.

[16] GS 14, 385f.

[17] https://www.conne-island.de/nf/250/11.html (transkribierter Vortrag, Hervorhebung GKR).

[18] Manfred Dahlmann: Was ist antideutsch?, in: Bahamas 47.

[19] Michael Schilling: War Adorno ein Nazi?, in: konkret 7/2018.

[20] FAZ vom 21.11.2018.

[21] https://kurier.at/politik/inland/kurz-in-israel-treffen-mit-netanyahu-und-rede-vor-dem-ajc/400048958.

[22] Thomas Maul: Der Westen liegt im Abendland, in: Bahamas 79.

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