Narzisstische Freigeister

Über den Vorwurf der Linientreue und die antiautoritäre Sistierung des Denkens

Seit jeher gilt: Wer sich in Deutschland anschickt, einen politischen Gedanken zu fassen, legt allerhöchsten Wert darauf, sich von niemanden dreinreden zu lassen. Man lässt sich lieber von eigenen unmittelbaren Gewissheiten inspirieren – sprich von dem, was man ohnehin denkt –, anstatt sich irritierenden und die spontane Abwehr provozierenden, also tatsächlich kritischen Positionen auszusetzen. Zeitgenössische Antideutsche stehen dem in nichts nach. Obwohl sich ihre Standpunkte von denen der Bundesregierung nur insofern unterscheiden, als sie ihrer Zeit negativ voraus sind, begreifen sie sich unbedingt als originell, unabhängig und kreativ. Sie haben, wenn nicht von den Eltern, dann spätestens im Uni-Seminar gelernt, dass es darauf ankommt, alles immer selber „durchzudenken“ und „kritisch zu hinterfragen“, wie es im Jargon heißt. Der deutschen Geschichte haben sie so die Lehre abgerungen, dass alles, was nach Einbindung des Einzelnen in ein politisches Kollektiv, eine politische Organisation oder Bewegung riecht, irgendwie faschistisch sein muss. Dem setzen sie mutig den Gebrauch ihres eigenen Verstandes entgegen – leider und viel zu häufig auch dann, wenn es besser wäre, nicht selbstbestimmt loszuplappern, sondern innezuhalten und zuzuhören, also zu lernen.

Mit kritischer Miene Vorträgen lauschend, die zu verfassen oder organisieren sie aus den ausgeführten Gründen nicht in der Lage sind, kichern sie sarkastisch herum und flüstern sich gegenseitig bestätigende Gewissheiten ins Ohr. Obwohl man wissen könnte, was man der Bahamas zu verdanken hat, findet man sie notorisch scheiße. Da man dafür jedoch keine Argumente hat, verlegt man sich auf den pseudoradikalen Gestus des ungebundenen Geistes, um sich als den darzustellen, der es nicht nötig hat. So, wie es keinen Kanon und keine Klassiker mehr geben soll, ist orthodoxes Denken – die theoretische Bedingung der Möglichkeit kritischer Theorie – all denjenigen ein Graus, die die Welt ganz eigenständig für sich entdecken wollen. Analog dem Kleinkind, das nur annimmt, was es sich selber in den Mund gesteckt hat, legen heutige, in Bezug auf Organisationsfragen postpolitische Freidenker, denen es vor allem darum geht, sich als genialische Individuen aufzublasen, die Dialektik von eigenem, die Sache nachvollziehendem Denken und autoritativer geistiger Tradition als unabdingbare Voraussetzung von Kritik antiautoritär still. Was bei den bösartigsten Idioten dann im Stalinismusvorwurf gipfelt, ist der Hass auf politische und menschliche Solidarität[1] schlechthin, ohne die kritische Intervention erst gar nicht denkbar ist.

Gerade weil man sich von den anderen kaum unterscheidet und in allem so denkt wie alle, nur eben etwas lauter, auftrumpfender und ungestümer, muss man zu jeder sich bietenden Gelegenheit betonen, wie unabhängig man doch sei. Um das gute Gefühl der Autonomie weiter gegen die Realität absichern zu können, muss jeder Anschein vermieden werden, man lehne sich an irgendetwas an oder übernehme Gedanken, die man sich nicht selbstständig erarbeitet hat. Dieser zutiefst repressive Zugang zum Geistigen an sich ist insofern spezifisch deutsch, als er qua Eigenbrötlertum nicht in der Lage ist, sich auf positiv-vernünftiger Grundlage mit anderen zu assoziieren und allein deshalb die Möglichkeit einer „Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“ (Marx/Engels) von vornherein kassiert. Schon die „Bildung unzeitgemäßer Kollektive“ (Horkheimer) beziehungsweise des „kollektiven Kritikers“ (Nachtmann) wird durch das zeitgemäße subjektivistisch-narzisstische Unvermögen zur kritischen Einigung – die praktische Bedingung der Möglichkeit kritischer Theorie – verunmöglicht. In der prinzipiellen Unfähigkeit zur Parteinahme und zur Gegenidentifikation drückt sich letztlich nichts anderes aus als die Unfähigkeit zum politischen Urteil überhaupt.

Die Gruppe Kir Royal weiß, dass kritisches Bewusstsein nicht angeboren ist, sondern ganz im Gegenteil nur in persönlicher und gemeinsamer, kritischer und affirmativer Auseinandersetzung mit geistigen Autoritäten angeeignet werden kann. Deshalb scheut sie sich nicht, zuzugeben, dass sie von anderen gelernt hat und dies bisweilen immer noch tut. Insofern druckst sie nicht verkrampft herum, wenn es darum geht, Positionen auch dann anzunehmen, wenn sie sich diese nicht selbstständig und eigenverantwortlich ausgedacht hat, sondern erst im – ganz sicher: kritischen – Nachvollzug für vernünftig befindet. Sie hält es also ganz maßgebend mit der Einsicht, dass „bei jungen Menschen, wenn sie sich an einen Lehrer, im wörtlichen oder weiteren Sinn, anschließen, das kein Unglück ist. Goethe hat gewusst, daß Originalität etwas ist, was sich erst bildet, und nicht der chronologische Anfang, dahinter sollte man nicht zurückfallen.“[2] Die Gruppe Kir Royal schließt sich diesen Worten ihres Lehrers Theodor W. Adorno ausdrücklich an.

Gruppe Kir Royal, Mai 2018

[1]„Der Begriff der Solidarität jedoch scheint mir mit dem der Nächstenliebe äußerst verwandt zu sein.“ Max Horkheimer: Die Funktion der Theologie in der Gesellschaft, in: Gesammelte Schriften, Bd. 7, S. 312.

[2]Theodor W. Adorno: Brief an Claus Behncke, 21. Februar 1964.

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