Freiheit kann man erschießen

Nachdem zwei Muslime in Paris ein Blutbad in der Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ angerichtet haben, versichert ganz Europa seine Solidarität. „Je suis Charlie“ heißt es millionenfach in den sozialen Netzwerken und von der grünen Bundestagsfraktion über die NPD bis zur Crew des Sat1-Frühstücksfernsehens lässt sich ein jeder gerne mit diesem Bekenntnis ablichten. Allein, die Solidarisierung ist wohlfeil, sie kostet nichts, keinerlei Risiko ist damit verbunden. Und so laut das Credo vom Schutz der Meinungs- und Pressefreiheit vorgetragen wird, so beharrlich wird darüber geschwiegen, dass die Selbstzensur bereits Ausmaße erreicht hat, die der Behauptung, der Westen sei ein Ort der freien Rede, Hohn spricht. Denn all jene, die nun lauthals verkünden, dass Freiheit unantastbar sei, widerlegen sich selbst, indem sie verschweigen, wer für die Morde von Paris verantwortlich ist und warum diese begangen wurden. Es sind nicht nur österreichische, britische oder amerikanische Medien, deren Bekenntnis zur Freiheit keinen Pfifferling wert ist, weil sie sich weigern, die Mohammed-Karikaturen zu zeigen. Jeder, der so tut, als wären die Karikaturen willkürliche Provokationen um der Provokation willen, die man doch genauso gut unterlassen könnte, ignoriert, dass sie explizit die narzisstische Identifikation der Muslime mit einer zweifelhaften historischen Gestalt kritisieren – eine Kritik, die die Mörder sehr gut verstanden. Wenn es nicht so tragisch wäre, müsste man mit dem Philosophen Homer J. Simpson ausrufen: „It’s funny ‘cause it’s true.“ Dass die Islamkritik Charlie Hebdos gerade dann unsichtbar gemacht werden soll, wenn sie sich auf tödliche Weise bewahrheitet hat, zeigt, dass der pathetische Satz, Freiheit sei nicht erschießbar, falsch ist. Keine zwei Tage hat es gedauert und die ersten Zeitungen und Fernsehsender fingen an, Mohammed-Karikaturen zu verpixeln. Dass „Charlie Hebdo“ im Moment noch herumgereicht wird, dürfte nicht von allzu langer Dauer sein. Islamkritik wird in Zukunft rigide zensiert werden, die Staatsanwaltschaften werden ihr Bestes geben, um den Volksmob-Paragraphen 166 gegen unliebsame „Provokateure“ einzusetzen, und die Redaktionen werden in vorauseilendem Gehorsam jede „Störung des öffentlichen Friedens“ unterlassen.

Aller Orten nur Relativierung und klammheimliches Verständnis. Davon, dass der zweite Anschlag sich explizit gegen Juden richtete und insofern als weitere Bluttat in einer langen Kette antisemitischer Gewalt in Frankreich zu gelten hat, las man erstaunlich wenig. Noch nach einer Woche liest man allerorten, Amedy Coulibaly habe „Geiseln“ genommen,wobei längst schon bekannt ist, dass er vier seiner Opfer sofort erschoss und also nicht davon auszugehen ist, als habe er eine reguläre Geiselnahme im Kopf gehabt, die sich durch ein instrumentelles Verhältnis zu den Geiseln auszeichnet. Dieser Mann wollte Juden töten, genauso wie sein Gesinnungsgenosse Mohamed Merah, der 2012 in Toulouse vier Juden vor einer Schule tötete; genauso auch wie Mehdi Nemmouche, der 2014 im Jüdischen Museum in Brüssel vier Menschen kaltblütig ermordete, oder die islamische „Barbaren-Gang“, die 2006 Ilan Halimi grausam quälte und zu Tode folterte. Der alltägliche Antisemitismus, die Pöbeleien und Angriffe, der sich nicht nur die französischen Juden von Seiten der Muslime ausgesetzt sehen, kommen hinzu. Wahrheitswidrig schreibt beispielsweise die B.Z. jedoch über das 12. Arrondissement in Paris, wo Coulibaly seine barbarische Tat verübte: „Jüdische und muslimische Franzosen leben hier im Osten von Paris seit Jahr und Tag friedlich mit- und nebeneinander.“ Bei so viel Harmonie fragt man sich natürlich, woher die Gewalt kommt? DITIB, Zentralrat der Muslime, Islamrat, Milli Görüs und all die anderen haben die altbewährte Antwort schon parat: Es gebe „Terror und Gewaltspirale [sic!] in der Welt und vor unserer eigenen Haustür“, sprich: die Juden provozieren und die muslimischen Hitzköpfe schlagen zurück. Damit nahmen sie bereits vorweg, was der türkische Ministerpräsident Davutoğlu und die Hamas genauso wie eine muslimische Frauendemonstration auf den Philippinen zu erklären wusste: Die Juden stecken eigentlich hinter dem Anschlag, weil Benjamin Netanjahu eine zionistische Verschwörung angeführt und „Charlie Hebdo“ dazu gebracht habe, den Propheten zu beleidigen. Diesem Wahnsinn kann man nichts entgegnen, durch Aufklärung ist ihm nicht mehr beizukommen. Vielleicht jedoch denjenigen, die den Wahn zwar nicht teilen, aber dennoch Verständnis für ihn aufbringen. Um es klipp und klar zu sagen: Es gibt keine Gewaltspirale. Antisemiten brauchen keine „Ursachen“, keine „Provokationen“ und keine „Auslöser“ – sie schlagen zu, sobald sich ihnen eine Möglichkeit bietet. Man kann sie nur überwachen, bekämpfen, festnehmen und – im äußersten Fall, wie jetzt in Belgien – töten, bevor sie andere töten.

All dies spielt in der deutschen Berichterstattung keine Rolle. Stattdessen setzt man sich intensiv mit Belanglosigkeiten auseinander: Kein Bericht über die Pariser Terroranschläge kommt aus ohne eine Abgrenzung von der – außerhalb Dresdens – vollkommen marginalen Pegida-Bewegung, die zu einem Popanz aufgeblasen und der ein vergleichbares Gefahrenpotential wie dem islamischen NS bescheinigt wird. Dass dieser islamische NS mit dem Islam rein gar nichts zu tun habe, wird nicht nur Innenminister de Maizière nicht müde zu behaupten. All jene, die sonst vor „Essentialisierungen“ und „Pauschalisierungen“ warnen, wissen auf einmal sehr genau, dass „der Islam“ eine friedliche und gerechtigkeitsliebende Religion sei. Die Süddeutsche Zeitung wartete am Tag des Anschlags mit einem irren Artikel über den Islamicity-Index auf, den ein iranisch-amerikanischer Professor entwickelt hat: „‚Der Kern des Islam besteht doch nicht darin, dass man nach Mekka pilgert oder fünfmal am Tag betet oder während des Ramadans fastet oder auf Alkohol verzichtet‘, sagt Professor Askari, der aus Iran stammt. ‚Das ist alles sehr wichtig, aber im Wesentlichen geht es im Islam um Gerechtigkeit. Prophet Mohammed war gegen Armut und gegen Ignoranz.‘“ Diese Islam-Werbung ging auf’s Haus. Genau wie die Schlussfolgerung Askaris: „Ausgehend vom Ideal einer gerechten islamischen Gesellschaft, untersucht er, wie das Nationaleinkommen verteilt und die Armut bekämpft wird, ob Verträge eingehalten und Gesetze respektiert werden, wie viel Schmiergeld fließt, wie gut Schulen und Krankenhäuser ausgestattet sind. Ganz oben auf seinem ‚Islamicity‘-Index stehen: Irland, Luxemburg und Dänemark.“

Dass die katholische Alkoholiker-Nation Irland als Inbegriff einer islamischen Idealgesellschaft herhalten muss, verdeutlicht, dass der projizierte Islam jeglicher Façon nichts mit dem real existierenden Islam zu tun hat. Die Behauptung, salafistische Prediger würden den Koran und die Hadithen nicht kennen und deshalb die Religion „missbrauchen“, wird leider nicht nur von den Islamverbänden aus propagandistischen Gründen vorgebracht, sondern auch von denen, die sich durch die Angst vor dem Terror dumm machen lassen. Längst schon hat man sich auf einen faulen Pakt eingelassen, der Sicherheit im Austausch gegen die partielle Unterwerfung unter die Zumutungen des Islams garantieren soll. Tatsächlich ist der Glaube, mit dem islamischen NS, der seit Jahrzehnten auf jedem Kontinent Grauen und Schrecken verbreitet, sei eine Politik des Appeasement möglich, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Doch es scheint angenehmer, an offenkundig irrigen Annahmen festzuhalten, als der Gefahr ins Auge zu sehen und Gegenstrategien zu entwickeln. Denn dies würde in erster Linie den Mut erfordern, das Problem deutlich zu benennen: Global gesehen zeigen viele Millionen Muslime – vielleicht ist es sogar die Mehrheit – Verständnis für jihadistische Gewalt und sehen diese als integralen Bestandteil der islamischen Religion. IS oder Boko Haram haben rasant steigende Zuwachszahlen zu verzeichnen und sind mittlerweile alles andere als bloße terroristische Sektierer, und auch jene Muslime, die von den Massakern schockiert sind, zeigen sich spätestens dann mit allem einverstanden, wenn es gegen Israel geht. Statt diese Banalitäten anzuerkennen, zeigt man im Westen Verständnis für die Motive der Täter, während man im selben Atemzug bestreitet, dass diese Motive sich aus dem Islam speisen.

Die Tatsache, dass etwa die Islamische Liga oder die sunnitischen Autoritäten der Kairoer Azar-Universität den IS klar verurteilen, sollte nicht zu der Illusion führen, dies sei mit einer Ablehnung des Jihad verbunden. Ganz im Gegenteil: Wenn die FAZ lobend ausgerechnet Yusuf al-Qaradawi und Abu Muhammad al-Maqdisi erwähnt, die beide offene Unterstützer des Terrors der Hamas bzw. al-Qaidas sind, dann geht sie der Strategie dieser Lumpen auf den Leim, die übermächtig werdende Konkurrenz durch Koranexegese zu delegitimieren. Auch die deutschen Islamverbände haben eine Erklärung veröffentlicht, in der sie bekräftigen, dass der Terror in Paris „nicht mit dem Islam oder Religiosität begründet werden“ dürfe. Im selben Schriftstück wird gefordert, Sorge dafür zu tragen, „dass Menschen jeden Glaubens, egal ob muslimischen, christlichen, jüdischen oder jeden anderen Glaubens, nach solch bestialischem Terror nicht unter Generalverdacht stehen“. Wie Bekir Alboğa auf die irrwitzige Idee kommt, nach einem gezielten antisemitischen Vierfachmord, der von einem Moslem begangen wurde, könne jemand ausgerechnet die Juden unter Generalverdacht stellen, kann nur nachvollziehen, wer ähnlich verrückt denkt wie Alboğas Chef, der „antisemitische Straßenrowdy“ Erdoğan.

Zwar ist es selbstverständlich richtig, dass man aus dem Koran vieles herauslesen kann und sowohl liberale als auch nazistische Muslime das heilige Buch unter mehr oder weniger großer Anstrengung für ihre ideologischen Zwecke zurechtstutzen, aber das ändert rein gar nichts daran, dass es kein Missbrauch, sondern ein Gebrauch ist, Terror gegen „Ungläubige“ durch Koranzitate abzustützen. Die schrille These, der Islam sei „an sich“ eine friedliche Religion, ist nichts als eine Schutzbehauptung. Gerade die tatsächlich friedlichen und den Jihad ablehnenden Muslime wissen, dass dies nicht der Wahrheit entspricht, sondern dass es gehöriger argumentativer Strategien bedarf, um den Krieg gegen die „Kufar“ als nebensächlich abzutun – was nicht allein auf den Koran als Quelle zurückzuführen ist, sondern ebenso auf die Überlieferung des Lebens Mohammeds und des daraus resultierenden Selbstverständnisses eines islamischen Herrenmenschentums, welches mit globalen politischen Verhältnissen schon lange nichts mehr zu tun hat und an dem gerade deswegen umso krampfhafter festgehalten werden muss. Wie sich die fremdenfeindlichen Pegida-Ossis an die Vorstellung sozialer Verhältnisse klammern, welche von den Herausforderungen und Kränkungen einer freien Gesellschaft verschont geblieben sind, so klammern sich die Muslime an den Mythos des islamischen „Goldenen Zeitalters“, in dem man zwar ebenfalls zivilisationsgeschichtlich nicht viel auf die Beine stellte, aber immerhin gefürchtet war und nicht permanent „belogen und betrogen“ wurde.

Ob eine – wünschenswerte – Infragestellung, Relativierung und Umdeutung der islamischen Tradition möglich ist, hängt nicht nur davon ab, was genau im Koran steht, sondern auch von der Bedeutung, die diesem Buch beigemessen wird. Es geht nicht darum, dass alle Muslime plötzlich aufhören, an die Existenz eines Gottes namens „Allah“ zu glauben, aber es muss endlich bewusst gemacht und offen ausgesprochen werden, dass es schlichtweg unumgänglich ist, Teile des Koran für obsolet zu erklären. Ob und wie das theologisch zu rechtfertigen ist, mag den Gelehrten anheimgestellt sein: Viel mehr als dieser Rechtfertigung bedarf es eines individuell-vernünftigen Verhältnisses zur islamischen Tradition, das es möglich macht, Widersprüche einfach festzuhalten und zu leben. Immer wieder aufs Neue, aber wider alle Empirie zu behaupten, Islam und Islamismus hätten nichts miteinander zu tun, vernebelt das Problem und macht es dem islamischen NS einfach. Man muss kein IS-Kämpfer sein, um der islamistischen Internationale anzugehören, es reicht vollkommen, gegen Israel auf die Straße zu gehen, Juden und leicht bekleidete Frauen auf offener Straße anzugreifen oder Terroranschläge zu rechtfertigen; und das betrifft in unterschiedlichem Ausmaß auch einen gar nicht so kleinen Teil der muslimischen Jugend in Deutschland, die sich zwar für Moscheebesuche und Gebete herzlich wenig interessieren mag, dem totalitären Herrschaftsanspruch und eliminatorischen Antisemitismus der islamischen Nazis aber doch so viel abgewinnen kann, dass Erdoğan, Rohani, Meshal, bin Laden oder eben al-Baghdadi als Helden gefeiert werden.

Moslemsein ist noch immer etwas, für das man sich individuell entscheidet; wer als Moslem geboren wird, ist – zumindest in Deutschland – nicht gezwungen, es auch zu werden. Und nicht einmal das schließt per se mit ein, alle Aspekte der islamischen Tradition für autoritativ zu halten; zudem kann man sich auch als Moslem bezeichnen und die Vorgaben, die mit dem Islam verbunden sind, trotzdem ablehnen. Das mag widersprüchlich und inkonsistent sein, aber es ist eine reale Möglichkeit und eine dringende Notwendigkeit.

 

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