Das Unbehagen in und an der homosexuellen Emanzipation

Vortrag und Diskussion mit Tjark Kunstreich

Die Emanzipation der Homosexuellen scheint unaufhaltsam. In den USA und in zahlreichen europäischen Ländern ist die rechtliche Gleichstellung beinahe durchgesetzt. Dennoch äußert sich ein Unbehagen an dieser Normalisierung: Nicht alle Schwulen und Lesben können der neuen Freiheit etwas abgewinnen, weil sie zugleich den Verlust sowohl der Enge wie der Geborgenheit der Subkultur bedeutet wie auch des Sonderstatus der Minderheit. Sie fürchten die Assimilation und Auflösung ihrer kollektiven Identität. Die politischen Gegner der Homosexuellenemanzipation in Europa und den USA betonen ihrerseits diese Identität, um den Sonderstatus der Homosexuellen und die damit einhergehende Diskriminierung positiv zu begründen und aufrechtzuerhalten. Sie sehen sich nicht als Homosexuellenhasser, sondern als Verteidiger einer natürlichen Ordnung. Im Rest der Welt schürt die Homosexuellenemanzipation das Ressentiment gegen den dekadenten Westen und die Verfolgung vermeintlicher Homosexueller nimmt immer brutalere und zugleich lächerlich wirkende Formen an. Auf dem afrikanischen Kontinent verschärfen zahlreiche Staaten die schon vorhandenen Gesetze gegen Homosexualität, die als westlicher Import und neokolonialer Angriff auf die afrikanische Identität verstanden wird.

Homosexuellenhasser in Stuttgart

Homosexuellenhasser in Stuttgart

Auf diese Entwicklungen gibt es zwei Antworten, die vorgeben, sich ihnen zu stellen: Zum einen die homosexuelle Bürger- und Menschenrechtsbewegung, die als Verfechterin der Emanzipation jene Werte aufrechtzuerhalten verpflichtet ist, die zugleich Grundlage der Verfolgung der Homosexuellen waren: Sie versteht die Absonderung der Minderheit durch die Mehrheit als irrationalen Irrtum, dem durch Aufklärung abzuhelfen sei. Zum anderen die queer theory, für die diese Absonderung der Gesellschaft immanent ist, die sie also fortsetzen muss, um ein „anderes“ herzustellen, von dem sich eine fiktive Mehrheit abgrenzen kann: Ihre Strategie ist es, dieses Verhältnis umzudrehen, und den weißen heterosexuellen Mittelklasse-Mann zum Feindbild zu erklären.

Ihrer jeweils eigenen Logik folgend, endet die Menschenrechts-Apologie bei der bloßen Gleichstellung und kann sich die Eskalation des Homosexuellenhasses, den sie zur Homophobie verniedlicht, nicht erklären, während die queer theory diesen Hass mit der privilegierten Position erklärt, den die Homosexuellen im Westen im Zuge der Gleichstellung gewinnen. Als reine Bürgerrechtsbewegung kümmern sich die einen um Steuer- und Adoptionsfragen, während die anderen nicht zufällig Israel ins Visier nehmen. In beiden Reaktionen ist mindestens unbewusst enthalten, dass es, um einer schon vorweggenommenen künftigen Verfolgung zu entgehen, notwendig ist, sich mit dem Staat, der die jeweiligen Rechte zu garantieren hat, oder einer Bewegung, deren Ziele man sich zu eigen gemacht hat, zu identifizieren.

Tjark Kunstreich lebt als Sozialarbeiter und Publizist in Wien.

Mittwoch, 15. Oktober 2014, 19 Uhr

Janusz Korczak Haus, Sonnenstraße 8 (2. Stock), München

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