Gerüchte über Juden

Ein Kurzbericht über die Kundgebung am 26. Juli 2014

Seien wir ehrlich: Keine deutsche Zeitung hätte über den manifesten Antisemitismus im Zuge der Hamas-Demonstrationen auf Deutschlands Straßen berichtet, wenn nicht der Zentralrat der Juden eine entsprechende Erklärung abgegeben hätte. Nachdem daraufhin auch die Bundesregierung den Judenhass klar benannt und verurteilt hatte, konnte nicht einmal mehr Heribert Prantl diesen leugnen – freilich nicht ohne zugleich zu betonen: „Der Gaza-Krieg kann, darf und muss kritisiert werden.“ (SZ, 24. Juli 2014) Was genau es an einem Krieg zu kritisieren gibt, der darauf angelegt ist, einer antisemitischen Terrororganisation (sogar nach EU-Recht) das Handwerk zu legen, verrät Prantl aber nicht und belässt es bei raunenden Andeutungen. Wer will, denkt sich den Rest dazu: Der Slogan „Kindermörder Israel“, der momentan fast täglich zu hören ist, ist der konsequente Ausdruck dieses „Gerüchts über die Juden“ (Adorno), das Prantl nährt.

Arabischer Opferkult (Foto: David Moe)

Arabischer Opferkult (Foto: David Moe)

Dies ist auch der Grund dafür, dass die SZ – wie so viele andere Medien auch – partout keinen Antisemitismus gehört haben will, wenn die Meute wie am letzten Samstag in München geschehen, wieder einmal ruft: „Palästina ist in Not, viele Kinder sind schon tot!“ Diese aktualisierte Ritualmordfantasie kommentiert die Süddeutsche (26.7.2014) mit der Überschrift: „Hunderte demonstrieren friedlich in München“. Weitgehend friedlich blieb es in Wahrheit nur, weil eine halbe Hundertschaft der Polizei zugegen war; die Drohungen aus der Demonstration ließen an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig. Auch den Ruf „Free Palestine“ will man nicht so verstehen, wie er gemeint ist: als Forderung nach einem judenfreien Palästina. Stattdessen gelten diejenigen, die sich mit Israel und den Juden in Deutschland solidarisieren, als Störenfriede und Provokateure: „Ein paar junge Gegendemonstranten mit israelischen Fahnen sorgten zu Beginn der Kundgebung am Orleansplatz für Unruhe, doch die Veranstalter riefen die Demonstranten immer wieder auf, sich nicht provozieren zu lassen.“

Dabei waren es nicht nur „ein paar junge Gegendemonstranten“, sondern immerhin rund 30 Personen, die dem antisemitischen Mob den Nachmittag wenigstens ein bisschen vermiesen konnten. Dabei war die Zahl der Islamistenfreunde dieses mal übrigens auf höchstens 500 Personen (gegenüber 5000 Personen in der vorherigen Woche) zusammengeschrumpft, weil die Demoleitung vorab angekündigt hatte, aus taktischen Gründen antisemitische und islamistische Schlachtrufe unterbinden zu wollen: „Keine anti semitischen Parolen bitte, Merkel schaut zu wir sind nicht gegen Juden, sondern gegen Zionisten, Völkermord, Ungerechtigkeit, Unmenschlichkeit, gegen die einseitige Rechtsempfindung mancher ‚zionistischen Sklaven’.“ (Facebook-Seite der Anmelder).

Al-Afghani in Aktion (Foto: München Nazifrei)

Al-Afghani in Aktion (Foto: München Nazifrei)

Tatsache ist auch, dass mit Ahmed al-Afghani abermals ein islamistischer Scharfmacher die Demonstration von Anfang an mit getragen und organisiert hat; dass mehrere Personen Fahnen von al Qaida, Hamas und Islamischem Jihad bei sich trugen, diese vor der Gegenkundgebung enthüllten und nicht erfreut über die Anordnung der Demoleitung waren, sie wieder einzupacken.

Und Tatsache ist auch, dass der israelsolidarischen Demonstration die ganze Zeit über blanker judenfeindlicher Hass entgegenschlug. Eine kleine Auswahl: „Drecksjuden!“, „Hitler hat euch vergessen!“, „Ihr seid das dreckigste Volk der Welt!“, „Wieviele Kinder habt ihr schon getötet?“, „Israel ist das nationalsozialistischste Land der Welt“, „Ihr seht gar nicht aus wie Juden“, „Hitler hat mit jüdischen Bankiers in der Schweiz zusammengearbeitet“, „Allahu Akbar“ usw. usf.

Schon minimale journalistische Sorgfalt und Redlichkeit hätten genügt, all diese Fakten zur Kenntnis zu nehmen und zu verwerten. Stattdessen beschloss die SZ einmal mehr, sich in den Dienst der antisemitischen Internationale zu stellen.

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Der Benz unter den Experten

Auf den Straßen tobt offener Judenhass – und der ehemalige Leiter des „Zentrums für Antisemitismusforschung“ gibt Entwarnung

Als noch nicht sicher war, ob die im Westjordanland entführten jüdischen Jugendlichen noch am Leben sind, versammelten sich in mehreren deutschen Städten – auch in München – Menschen zu kleinen Solidaritätskundgebungen, die das Auge der Öffentlichkeit auf das Leid der Jugendlichen und ihrer Familien lenken wollten. Für einige Judenfeinde war selbst das zu viel an „Israelsolidarität“: Am 20. Juni wurde in Hamburg ein 83-jähriger Demonstrant von einem linken Palästinafreund angegriffen und musste danach ins Krankenhaus gebracht werden. Auch die Tochter des Verletzten, die diesem zu Hilfe eilte, wurde attackiert. Dies war der Auftakt, der freilich in einer langen Reihe offener antisemitischer Gewalt und Propaganda in den letzten Jahren steht.

Mit Beginn der israelischen Militäroperation „Protective Edge“, welche auf die Zerstörung der Raketenabschussanlagen und Waffenschmuggeltunnel der Hamas im Gazastreifen zielt, hat eine Flut antisemitischer Aufmärsche, Hetze und Straftaten begonnen, die im Folgenden nur ausschnittsweise dokumentiert sei. Fast allen Vorkommnissen ist gemein, dass die Polizei Juden und Israelfreunde nicht schützen konnte oder wollte; häufig wurden gerade diejenigen, die gegen Antisemitismus demonstrierten, des Platzes verwiesen, während der arabisch-türkisch-deutsche Mob seinem Hass freien Lauf lassen durfte.

Am 12. Juli marschierten Linke, Islamisten und Neonazis in Frankfurt einträchtig nebeneinander. Dabei skandierten sie immer wieder die zum Schlachtruf der Bewegung avancierte Parole „Kindermörder Israel“, die eine aktualisierte Variante der mittelalterlichen Ritualmordlegende darstellt und einige Tage später in Berlin auch folgerichtig von einer Fotomontage untermalt wurde, die den israelischen Ministerpräsidenten beim Verspeisen eines palästinensischen Kindes zeigt (wozu der kleinen Waffen-SZ, der Stuttgarter Zeitung, als Bildunterschrift nur einfällt, dass Netanjahu „im Zentrum der Kritik“ stehe). Ein Schild mit der Aufschrift „Ihr Juden seid Bestien!“ war zu sehen. Demonstranten griffen die Polizei mit Steinen an, woraufhin diese der Demonstration ein Polizeiauto samt Lautsprecheranlage zur weiteren Verkündung ihrer Hetze zur Verfügung stellte – laut Polizeisprecher, um die Situation zu deeskalieren. Am selben Tag demonstrierten in verschiedenen Städten Anhänger des palästinensischen Volkstumskampfes und trugen dabei – etwa auf der „Friedensdemonstration“ (so das Original aus der Hauptstadt der Bewegung) in München – u.a. Flaggen von Hamas, ISIS und Grauen Wölfen. In Gelsenkirchen riefen Teilnehmer der Demonstration „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“ und „Allahu Akbar!“.sz

Einen Tag später, am 13. Juli, wurde in Bremen ein Mann aus der Demonstration heraus als „Scheiß Jude“ beschimpft, ein Journalist der Taz tätlich angegriffen. Ein Passant, der seine Ablehnung des Demonstrationsanliegens zum Ausdruck gebracht hatte, wurde mit der Faust ins Gesicht geschlagen und musste von einem Notarzt auf die Intensivstation gebracht werden.

Am 17. Juli skandierten Dutzende Demonstranten in Berlin „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!“; am 18. Juli kam es in Leipzig erneut zu „Scheiß Juden“-Rufen auf einer Demonstration. In Essen wurden auf einer vom Jugendverband der Linkspartei organisierten Demonstration Schilder mit Aufschriften wie „Früher angeblich Opfer – heute Täter“ sowie Davidsterne mit Hakenkreuzen gezeigt. Es erschallen Rufe wie „Scheiß Jude, brenn“ und eine proisraelische Gegendemo wurde mit Flaschen und Steinen beworfen. Ein Teilnehmer der Gegendemonstration wurde nach Auflösung der Veranstaltung verprügelt. Es wurden Verfahren wegen des Zeigens des Hitlergrußes eingeleitet.

Am 19. Juli wurde in Berlin ein zufällig die Demonstration passierendes israelisches Ehepaar angepöbelt, da der Mann durch seine Kippa als Jude zu erkennen war. Die Täter schrien „Scheiß Juden, wir kriegen euch!“ und „Wir bringen euch um!“. Zeitgleich fielen in Nürnberg hunderte Antisemiten in Fastfood-Restaurants im Hauptbahnhof ein – in dem Glauben, es handele sich um „jüdische“ Geschäfte. In Göttingen wurden aus einer Palästina-Demo heraus mehrere proisraelische Gegendemonstranten, begleitet von „Judenschweine“-Rufen, angegriffen und verletzt.

Am 20. Juli wurden in Hannover durchgestrichene Davidsterne präsentiert und antisemitische Parolen gegrölt, abermals proisraelische Demonstranten mit Tritten und Schlägen traktiert. Und auch kurz hinter der Grenze, im österreichischen Bregenz wurden aus einer Demonstration heraus Israelfreunde (laut Demonstrationsteilnehmern: „die Juden“) angegriffen, denen die Polizei nach kürzester Zeit nur zur Flucht riet. Ähnlich verliefen an diesem Wochenende Gegenkundgebungen in Innsbruck und Wien.

Am 24. Juli stürmten bei einem Fußballspiel zwischen Maccabi Haifa und dem OSC Lille im Salzburger Bischofshofen etwa 20 Männer den Platz und griffen die israelischen Spieler mit Tritten und Schlägen an.

Soweit zur derzeitigen Situation, wobei die alltäglichen Vorkomnisse – Drohbriefe an Mitglieder der jüdischen Gemeinde, Ausfälle in jüdischen Museen, antisemitische Sprüche auf den Schulhöfen und Hetzartikel in der SZ – noch nicht einmal eingerechnet sind. Was aber sagt nun Deutschlands oberster Antisemitismus-Experte dazu? Ein Mann, der es schon in der Vergangenheit fertig brachte, die antisemitische Motivation des Attentäters von Toulouse infrage zu stellen? In der Zeit vom 22. Juli 2014 gab Prof. Dr. em. Wolfgang Benz, ehemaliger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin, ein Interview, das endgültig seinen ideologischen Versuch offenbart, jeden Antisemitismus zu bagatellisieren, der nicht von Neonazis mit Hitlerbärtchen und Hakenkreuzbinde geäußert wird.

benzDem Hinweis des Zentralrates der Juden in Deutschland, dass es eine „schockierende Explosion des Antisemitismus“ in Deutschland gibt, begegnet der Experte mit der lapidaren Antwort: „Kritik an der Politik Israels ist nicht gleich Antisemitismus. Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen: Antisemitismus ist hierzulande seit Jahrzehnten eine ziemlich konstante Größe. Nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung hegen so starke Ressentiments, dass man sie als Antisemiten bezeichnen kann.“ Indem Benz Vorfälle wie die oben beschriebenen unter das Stichwort „Kritik an der Politik Israels“ rubriziert, leugnet er nicht nur deren explizit antijüdischen Charakter, sondern tut auch so, als lasse sich das deutsch-islamische Gerede über Israel von Antisemitismus unterscheiden. Die willkürlich erscheinende Nennung der Zahl von 5% Antisemiten weicht extrem von der sonst in Umfragen üblichen Feststellung von 15-20% Personen mit antisemitischen Einstellungen ab und zeigt, dass Benz die Bedeutung der Tarnung, der Latenz und der Verschiebung in der postnazistischen Demokratie überhaupt nicht begriffen hat.

Angesichts der Tatsache, dass der Mann sich in den letzten Jahren zum Fürsprecher der angeblich so gehassten Muslime aufgeschwungen hat, ist erstaunlich, dass er diese konsequent aus der deutschen Gesellschaft ausschließt. Das Problem des Antisemitismus in Deutschland wird so gewissermaßen ausgelagert: „Wichtig ist jetzt, zu klären, wer das gerufen hat. Das waren offenbar junge Muslime oder Menschen mit Migrationsgrund. Das entschuldigt nichts, es ist auch nicht schlimmer oder weniger schlimm. Aber es ist wichtig für die Unterscheidung. Denn offenbar ist dies nicht der den Deutschen angeblich angeborene Antisemitismus, der immer wieder aufflackert.“ Zwar spielt der Hintergrund der Täter durchaus eine Rolle, wenn es darum geht, ihm aktiv entgegenzuwirken (was Benz allerdings selbst hintertreibt, wenn er die Kritik des Islam als „Islamophobie“ verunglimpft). Das ändert aber nichts daran, dass der islamische Antisemitismus „ein Teil von Deutschland“ (Christian Wulff) ist. Er kann gedeihen und sich austoben, weil es ein stilles Einverständnis der Mehrheit der autochthonen Deutschen gibt, das sich etwa in den Kommentaren der SZ, im Agieren von Polizei und Justiz oder in der Zustimmung zu antizionistischen Scharfmachern in Linkspartei und SPD ausdrückt.

Richtig ans Eingemachte geht es aber, wenn Benz sich auf sein Spezialfeld begibt, die psychologische Betrachtung des Antisemitismus: „Ressentiments gegen Juden sind Einstellungen – damit ist bei den meisten keine Gewaltbereitschaft verbunden.“ Nichts als Vorurteile, so wie die der Preußen gegen die Bayern oder der Kölner gegenüber den Düsseldorfern. Eine Geschichte der Gewalt, die in jedem antisemitischen Wort mit transportiert wird? Der Professor hat nie davon gehört. Selbst als er vom Interviewer mit der manifesten Gewalt in Paris konfrontiert wird, wiegelt er ab. Das sei nun mal Frankreich, da tickten die Uhren anders: „Antisemitismus ist in Frankreich etwas salonfähiger als bei uns. Auch aufgrund antisemitischer Traditionen, die es in Frankreich seit dem 19. Jahrhundert gibt, und die nicht wie in Deutschland durch die Erfahrung des Holocaust und das folgende Schuld- und Schamgefühl gebrochen sind.“ Benz tut so, als ob der aktuelle Antisemitismus in Frankreich eine Folge der Dreyfus-Affäre sei, um bloß nicht vom Antisemitismus der Linken, der Liberalen (also der Dreyfusards) und vor allem der Muslime sprechen zu müssen. Denn die seien keine Antisemiten, sondern „sympathisieren mit den unterdrückten Palästinensern“. „Das ist in erster Linie eine Israelfeindschaft“, meint Benz, und unterscheidet sie strikt von „allgemeiner Judenfeindschaft.“ Und wenn es sich dann doch nicht leugnen lässt, dass der Antisemitismus unter Muslimen auch in Deutschland grassiert – der Interviewer weist auf den Berliner Imam hin, der letzte Woche in der al-Nur-Moschee in Berlin-Neukölln zur Ermordung aller Juden aufgerufen hatte –, dann ist sich Benz sicher: „Wenn der Imam das so gepredigt hat, würde ich ihn als einen verwirrten Fanatiker bezeichnen, der jetzt wahrscheinlich große Probleme mit seiner Gemeinde hat. Er wäre jedenfalls nicht typisch für die deutschen Muslime. Zum Alltag gehört eher, dass junge Muslime und Juden aufeinander zugehen: In Berlin-Neukölln, in Duisburg, an anderen Orten.“

Da bleibt eigentlich nur die Frage: Ist das Verblendung oder Vorsatz?