Antiautoritär gegen Israel

Über die Ausstellung „Wem gehört die Stadt?“ im Münchner Stadtmuseum

Unter dem Titel „Wem gehört die Stadt?“ bietet das Münchner Stadtmuseum geneigten Bürgern derzeit die Möglichkeit, zwischen Mao-Bibeln, Protestplakaten und einer Badewanne die Siebzigerjahre nachzuerleben. Vor Ort kann der gelangweilte Besucher dann feststellen, dass sich in linksalternativen Kreisen nicht viel geändert hat – selbst der schon immer unsägliche Sigi Pop sucht bis heute in regelmäßigen Abständen Münchner Bühnen heim – und dass jeder mit einem etwas später gelegenen Geburtsdatum reichlich Glück gehabt hat. Aber nur, wer eine mittelschwere Geschichtsamnesie hat, kann den immerhin angenehm kurzen Rundgang innerhalb von Minuten einfach beenden und unter der Rubrik „Kuriositäten“ verbuchen. Wer sich auch nur ein bisschen in der Geschichte der deutschen Linken auskennt und nicht völlig verblödet ist, wird nicht umhin kommen, eine gravierende Dokumentationslücke zu bemerken: linken Antisemitismus nämlich.

Der Facebook-Werbetext hatte der linken Bewegung noch, so typisch protzig-verklausuliert wie leider auch zutreffend, einen „Impuls antiautoritären Denkens und Handelns als Gegenentwurf zu einem formell repräsentativ verfassten Politikverständnis“ attestiert. Das ist ehrlich gesprochen, was es aber konkret bedeutete, wird in der Ausstellung verschwiegen. Das „antiautoritäre Denken“ der Siebzigerjahre richtete sich politisch in erster Linie gegen den Westen – nicht gegen Herrschaft als solche, sondern gegen eben jene Form von Souveränität, in der Individuum, Volk und Staat noch nicht unmittelbar miteinander identisch sind. Die vielen mao-stalinistischen Grüppchen und Pseudoparteien, die in der Ausstellung offenbar bewusst ausgeblendet werden, obwohl sie doch vor Maos Tod 1976 das organisatorische und ideologische Herzstück der Neuen Linken darstellten, repräsentierten eine Generation, die von ihren Eltern die Wut über die Niederlage im Zweiten Weltkrieg geerbt hatte und deshalb erneut „siegreich im Volkskrieg“ sein wollte. Die Bundesrepublik sollte als „imperialistischer Staat“ wieder durch einen Volksstaat ersetzt werden und all die kämpfenden Hilfsvölker der Dritten Welt sollten in ihrem Kampf gegen die Alliierten nachträglich durch eine gehörige Dosis „Solidarität“ entschädigt werden. Als die K-Gruppen sich in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre auflösten und deren Mitgliederschaft in die „Neuen Sozialen Bewegungen“ diffundierte, wurde das antiautoritäre Denken zwar führerlos, segelte aber mit den Stichworten „Ökologie“ und „Frieden“ weiter unter völkisch-antiimperialistischer Flagge – bis hinein in den Bundestag, wo die Grünen sich heute als drittstärkste und vielleicht bald zweitstärkste Volkspartei etabliert haben.*

Die in einem Teil der Protestbewegung schon von Beginn an aufschäumende Faszination für militante Formen des „Widerstandes“, aber auch die zunehmende Abwendung von konkreten innergesellschaftlichen Problemen hin zu jenem rot-braunen Antiimperialismus, dem schon die Eltern gefolgt waren, markierte den endgültigen Übergang von der Protestbewegung der Sechzigerjahre in eine konformistische Revolte. Was gerade im antiautoritären Flügel des SDS um die ‚späteren’ Nazis Bernd Rabehl und Günter Maschke schon vorgezeichnet war, kam in den Siebzigern zu sich selbst: der Antiimperialismus als Zentrum linker Weltanschauung. Die notdürftige Rationalisierung des Hasses auf gerade jene Teile des von den Westalliierten implementierten Rechtsstaates, die in der weitgehenden Bändigung des Volkszorns bestanden, änderte nichts daran, dass viele Aktivisten – nicht nur in den K-Gruppen – es unter der Parole „Solidarität mit Palästina!“ immer offensichtlicher auf die Wiederermächtigung des antisemitischen Mobs abgesehen hatten. Seither werden jüdische und israelische Einrichtungen in der Stadt, die wieder dem „Volk“ gehören sollte, rund um die Uhr bewacht.

Da das entsprechende „antiautoritäre Handeln“ sich letztlich gegen die Juden und ihren Staat richten musste, hätte man als Besucher einer Ausstellung über diese Zeit erwarten können, die harmlosen Yoga-Hippies als das präsentiert zu bekommen, was sie tatsächlich waren: der nur dumme, aber ungefährliche Rand einer Generation, deren innerer Antrieb auf den Kampf gegen Israel drängte. Eben dies in der Ausstellung auszublenden, kann man nur als vorsätzlich betrachten – war doch gerade München von Beginn an ein Zentrum des antisemitischen Terrors. Und dies betrifft nicht nur die palästinensischen Genossen, die 1970 ein israelisches Flugzeug in München-Riem zu entführen versuchten und 1972 nahezu das gesamte israelische Olympiateam ermordeten: Als am 13. Februar 1970 ein Brandanschlag auf das jüdische Altenheim in der Reichenbachstraße verübt wurde, bei dem sieben Menschen starben, lag angesichts der scharfen antizionistischen Propaganda der Linken und einem zum Glück gescheiterten Bombenattentat auf die Berliner jüdische Gemeinde durch Kunzelmanns „Tupamaros“-Gruppe einige Monate zuvor die Vermutung nahe, dass linke Antisemiten hinter dem Anschlag steckten. Der Politologe Wolfgang Kraushaar hat in seinem jüngsten Buch diese These zu belegen versucht und wurde dafür von der linksliberalen Presse nicht von Ungefähr aufs Übelste denunziert. – Aber unabhängig davon, wie überzeugend seine Argumentation ist, zeigen schon die damaligen Reaktionen der linken Gruppierungen, wie eng sie mit dem antisemitischen Terror verflochten waren. Der linke AStA der Uni München etwa sagte aus angeblichen Pietätsgründen eine ursprünglich geplante Demonstration gegen – Überraschung – den israelischen Botschafter Abba Eban ab; man könnte auch sagen, der Studierendenausschuss fühlte sich ertappt. Schon im September demonstrierten wieder über 500 Personen für den „gerechten Kampf der Palästinenser“. Und die „Tupamaros München“, denen das Attentat von vielen zur Last gelegt wurde und wird, wehrten sich gegen die Vorwürfe durch abermalige antisemitische Ausfälle: „Wir treffen keine Unschuldigen. Diesen neuen Reichstagsbrand im Altersheim können nur Leute gelegt haben, die dran interessiert sind, die Hexenjagd auf die Feinde des US-zionistischen Imperialismus zu eröffnen.“

Nach diesen Manifestationen des linken Antisemitismus sucht man im Münchner Stadtmuseum jedoch vergeblich. Stattdessen ist auf dessen Website vermeintlich harmlos von „Solidarität im Kampf gegen Kolonialismus und diktatorische Regime“ zu lesen. Und die Verdrängung hat Methode: Die deutsche Alternativbewegung hat auf Teufel komm raus das Bessere zu sein; die Antisemiten seien Einzelne gewesen, mit denen die Bewegung selbst nichts gemein gehabt habe. Mit dieser Lüge fühlen sich die Überreste der Bewegung und ihre Erben noch heute als die Ausgeburten von Menschlichkeit und Moral – zuvörderst wenn es darum geht, Israel des „Kolonialismus“ zu schelten und durch das Herbeifantasieren eines „pragmatischen Teils der Hamas“ (C. Roth) den Mord an Juden abermals als politisches Programm zu legitimieren.

Anmerkung:

*Auf kommunaler Ebene, etwa in München-Haidhausen und Schwanthalerhöhe, sind sie es schon längst. Und in Schwabing, der Heimat von Kunzelmanns Gruppe SPUR, liegen sie nur einen Prozentpunkt hinter der CSU.